Univ.-Prof. Dr.
Freyja-Maria Smolle-Jüttner
Präsidentin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft65 Jahre Ludwig Boltzmann Gesellschaft sind 65 Jahre Beweis dafür, dass Wissenschaft, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, eine der wirksamsten Kräfte des gesellschaftlichen Wandels ist.
65 Jahre sind in der Geschichte einer Forschungsorganisation mehr als ein Jubiläum – sie sind ein Versprechen, das immer wieder erneuert werden muss. Gegründet in einer Zeit des wissenschaftlichen Aufbruchs, hat sich die Ludwig Boltzmann Gesellschaft stets dem Auftrag verpflichtet, Forschung dort zu verankern, wo sie am dringlichsten gebraucht wird: an der Schnittstelle von wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Dieses Gründungsprinzip hat nichts von seiner Aktualität verloren – im Gegenteil: Angesichts der Herausforderungen unserer Zeit gewinnt es täglich an Dringlichkeit.
65 Jahre Ludwig Boltzmann Gesellschaft bedeuten Mut zur Interdisziplinarität, Beharrlichkeit in der translationalen Forschung und eine unerschütterliche Überzeugung, dass exzellente Wissenschaft keine Elfenbeinturm-Angelegenheit ist. Sie bedeuten auch: Institute, Forscher:innen und Partnerschaften, die Verantwortung übernehmen – gegenüber der Gesellschaft, die uns trägt, und gegenüber den Generationen, die nach uns kommen.
Eine der prägendsten Lehren der jüngeren Vergangenheit betrifft die Verwundbarkeit unserer Gesellschaften gegenüber Pandemien. COVID-19 hat auf dramatische Weise vor Augen geführt, wie schnell ein Infektionsgeschehen globale Ausmaße annehmen kann und wie entscheidend eine evidenzbasierte, handlungsfähige Wissenschaft in einer solchen Krise ist. Deshalb freut es mich besonders, dass das Ludwig Boltzmann Institut für Pandemievorsorge und Wissenschaftsvermittlung seine Arbeit aufgenommen hat. Es verknüpft frühzeitiges Monitoring, internationale Vernetzung und systematische Wissenschaftskommunikation zu einem kohärenten Ansatz, der die Resilienz unserer Gesundheitssysteme nachhaltig stärken soll. Vorsorge ist dabei kein defensiver Reflex, sondern eine aktive Gestaltungsaufgabe.
In diesem Zusammenhang gewinnt das Konzept von One Health zunehmend an Bedeutung. Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen ist untrennbar miteinander verbunden. Antibiotikaresistenzen, Zoonosen und der Klimawandel sind keine voneinander isolierten Phänomene – sie sind Ausdruck eines systemischen Ungleichgewichts, das nur durch integrative, sektorenübergreifende Forschungsansätze bewältigt werden kann. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft bekennt sich ausdrücklich zu diesem Paradigma und fördert Forschungsvorhaben, die Disziplingrenzen überwinden und komplexe Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und deren Umwelt in den Blick nehmen.
Parallel dazu hat unser Förderprogramm Klinische Forschungsgruppen erneut eindrucksvoll gezeigt, wie praxisnahe Wissenschaft an der Grenze von Labor und Klinik zu echtem Fortschritt führt. Die enge Zusammenarbeit von Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen schafft jene kritische Masse an Expertise, die für die Entwicklung innovativer Therapieansätze unabdingbar ist. Klinische Forschung ist keine Nische – sie ist der entscheidende Transmissionsriemen zwischen Grundlagenforschung und der Verbesserung der Lebensqualität von Patientinnen und Patienten.
65 erfolgreiche Jahre erfüllen uns mit Stolz. In die Zukunft blicken wir mit Freude und Entschlossenheit. Forschung, die wirkt, braucht mutige Ideen, verlässliche Partnerschaften und das Vertrauen der Öffentlichkeit – und all das ist vorhanden. Unser besonderer Dank gilt dem Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung, mit dessen Unterstützung wir neue Forschungsgebiete erschließen und gleichzeitig die nächste Generation von Wissenschaftler:innen unterstützen und fördern können.