Mit Forschung in die Gesellschaft wirken:
65 Jahre Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Interview mit Elvira Welzig und Marisa Radatz, Geschäftsführerinnen der LBG

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft feierte 2025 ihren 65. Geburtstag. Die Geschäftsführerinnen Marisa Radatz und Elvira Welzig erkunden im Gespräch, wie die Forschungsgesellschaft sich in der Welt verwurzelt, entwickelt und beweglich bleibt. Das Prinzip Partnerschaft, laufende Evaluation und spannende, zeitgemäße Institute sind in der DNA der Forschungsgesellschaft verankert. Kollaborative Ökosysteme, Open Innovation in Science und Wissenschaftskommunikation öffnen neue Wege in die Gesellschaft und der Blick auf die eigene Geschichte ist unverzichtbar. Das Interview führte Astrid Kuffner.

Elvira Welzig (links) und Marisa Radatz sind die Geschäftsführerinnen der Ludwig Boltzmann Gesellschaft.

Frau Radatz, Sie haben die Ludwig Boltzmann Gesellschaft schon 2003 durch eine große Strukturreform begleitet. Was ermöglicht aus Ihrer Sicht die andauernde Weiterentwicklung dieser Forschungseinrichtung?

Marisa Radatz: Was die LBG immer schon ausgezeichnet hat, ist das kooperative Modell: Wir betreiben Forschung mit einer Vielzahl von Partner:innen. Die Institute befristet einzurichten, war damals sicher ein ganz großer Schritt, um die Erneuerungsfähigkeit der Organisation sicherzustellen.

Frau Welzig, Sie bringen sich seit 2022 als Forschungsmanagerin in die Geschäftsführung ein. Was haben Sie für die Weiterentwicklung mitgebracht?

Elvira Welzig: Die wissenschaftliche Qualität der Ludwig Boltzmann Institute war immer gesichert und steht außer Frage. Ich habe mich eingebracht mit modernen Zugängen zu Forschungsmanagement und der Idee, wissenschaftlichen Nachwuchs breit zur forschenden Exzellenz zu entwickeln, also nicht nur eine Top-Institutsleitung zu verpflichten.

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft wurde 2020 ins Forschungsfinanzierungsgesetz aufgenommen und somit als Forschungseinrichtung des Bundes anerkannt. Was hat diese Positionierung verändert und wie nützen Sie diese?

Radatz: Das hat längerfristige Planbarkeit gebracht – von der jährlichen Finanzierung hin zur dreijährigen Leistungsvereinbarung, was für eine Organisation dieser Größenordnung einfach wichtig ist. Wir haben uns als Alleinstellungsmerkmal unter den Bundeseinrichtungen für Neugründungen gezielt auf die miteinander verknüpften Bereiche Gesundheit, Gesellschaft und Medizin ausgerichtet. Nun wollen wir regelmäßig ausschreiben, alle zwei Jahre zwei Institute gründen, und nur durch diese Planbarkeit können wir gezielt mit den Host-Universitäten in den Dialog gehen.

Welzig: Wir stehen in der Forschung natürlich im Wettbewerb um die besten Köpfe weltweit, mit dem klaren Bekenntnis dazu, den weiblichen Anteil zu verstärken. Und wir stehen auch im internationalen Austausch. Österreich institutionell als Tellerrand zu definieren, wäre echt fad.

In der Strategie bis 2032 sind vier Zielbilder festgelegt: Zukunftsthemen, People, kollaborative Forschungsökosysteme und Science for Society. Wie entsteht daraus eine Rolle in einer Forschungslandschaft?

Welzig: Alle vier greifen ineinander. Wir müssen uns nicht iterativ aus unserer Geschichte weiterentwickeln, sondern können durch die Neugründung von Instituten ad hoc Themen bearbeiten, die anderswo vielleicht noch unter dem Radar fliegen oder die gesellschaftlich rasant so wichtig werden, dass man dazu etwas machen muss. Dafür braucht man die richtigen Leute. Und das kann man nicht allein, also braucht es Forschungsökosysteme. Wir wollen mit unserer Forschung in die Gesellschaft hineinwirken.

Zielbilder und Strategien sind wichtig für die Ausrichtung, aber sie führen zu einem Spagat zwischen Flexibilität und Festlegung. Wie stellen Sie sicher, dass sie beweglich genug bleiben?

Welzig: Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Grundelemente für das österreichische Forschungs- und Innovationssystem richtig sind. Kollaborative Forschungsökosysteme, starke Personalentwicklung und die Verschränkung in die Gesellschaft hinein haben sich bewährt, sind unser USP. Aber wir müssen sie flexibel anpassen. Welche Partnerschaftsmodelle sind jeweils relevant? Welche Art der Personalentwicklung braucht es?

Wie sieht eine grobe Jobbeschreibung der Menschen aus, die an Ludwig Boltzmann Instituten wirken? Welche Köpfe suchen Sie?

Radatz: Wir suchen neugierige Menschen, für die eine Institutsleitung der nächste große Karriereschritt ist, an dem sie Schwung holen, aufbauen und umsetzen. Und zwar in einem Netzwerk, was nicht einfach ist, denn es müssen verschiedene Interessen abgeglichen werden. Die Leitungspersonen müssen sich zutrauen, den Weg von der exzellenten Grundlagenforschung bis zur Anwendung zu begleiten. Sie müssen ein brennendes Interesse daran haben, dass ihre Forschung innerhalb von zehn Jahren etwas bewirkt. Wir möchten jedenfalls eine Einladung an Universitäten aussprechen, die noch nie oder schon lange nicht mehr mit uns gearbeitet haben. Auch außerhalb von Wien.

Wie stellen Sie Ihren Themenradar scharf – wie identifizieren Sie ein lohnendes, relevantes Feld?

Welzig: Wir schauen bottom-up und top-down darauf. Wir begutachten also eingereichte Ideen und Projekte und sehen, was da für relevant gehalten wird. Und gleichzeitig versuchen wir, stärker vorab zu definieren, und zwar mit qualifizierten Methoden aus Open Innovation in Science, wie Ideas Labs oder Crowdsourcing. Was fehlt genau in aktuellen Themenfeldern wie Gesundheitsökonomie, Frauengesundheit oder One Health? Ein Themenfeld muss aber immer so groß bleiben, dass ein Wettbewerbsverfahren noch Sinn ergibt.

Apropos Open Innovation in Science (OIS): Die LBG hat vor zehn Jahren auf das Thema gesetzt. Hat es sich bewährt, das zu etablieren und Expertise aufzubauen?

Welzig: Ausgangspunkt war damals die Open-Innovation-Strategie des Bundes, die inzwischen ausgelaufen ist. Das war eine wichtige Initialzündung, aber zentrale Elemente werden weiter wesentlich sein. Es gibt viele Felder, in denen die Einbeziehung unterschiedlicher Akteur:innen heute genauso spannend ist wie damals. OIS ist erfolgversprechend und hat sich etabliert – man muss aber immer noch Überzeugungsarbeit leisten. Diese Methodiken werden vor Projektstart eingesetzt, brauchen mehr Zeit und Organisation, weil Schwarmwissen nutzbar gemacht wird. Drei Tage Ideas Lab mit 100 qualifizierten Leuten, die darüber nachdenken, was z.B. für Schlaganfallpatient:innen in einem bestimmten Zusammenhang wichtig sein könnte – das kostet natürlich etwas. Und es lässt sich nicht so eindeutig wie Vollzeitäquivalente in Institutionen abrechnen.

Radatz: Organisationen, die das nicht vorab machen, haben diesen Abstimmungsbedarf häufig zu einem späteren Zeitpunkt, und zwar wenn es darum geht: Wie kann ich meine Ergebnisse in die Anwendung bringen? Wir haben selbst die Digital-Health-Institute und Mental-Health-Fragestellungen so gestaltet und teilen diese Erfahrungen gerne. Bei der Gründung und Weiterführung von Ludwig Boltzmann Instituten setzen wir zudem auf strenge Evaluation. Wir gründen mit jedem Institut eine Abteilung im Haus, starten also nicht einfach nur ein neues Projekt. Deswegen berücksichtigen wir neben wissenschaftlichen Schwerpunkten auch Leadership-Themen wie Personalentwicklung und Nachwuchsförderung.

Welzig: Wir sind Mitglied bei COARA, der Coalition of Alternative Research Assessment, wo die seit 20 Jahren etablierten Evaluierungsstrukturen für den Forschungsbetrieb hinterfragt und weiterentwickelt werden. Uns interessiert bei Wissenschaftler:innen nicht so sehr die Anzahl der Paper, sondern wir fragen nach der gesellschaftlichen Relevanz der Forschung, ob sie ein neues Themengebiet aufgebracht haben oder substanziell Leute mobilisieren konnten. Es geht um die bewirkte Veränderung.

Wissenschaftskommunikation soll noch stärker Bestandteil der Kultur werden. Welche Rolle spielen darin digitale Plattformen, Social Media, deren Schattenseiten gerade im Rampenlicht stehen?

Welzig: Eine große Frage! An der Basis steht sicher, dass die Bevölkerung ein Recht hat, zu wissen, was mit ihrem Steuergeld passiert. Sonst werden wir es auch nicht schaffen, Menschen an unserer Forschung zu beteiligen, dass sie uns ihre Bedürfnisse beschreiben. Zudem wollen wir mit Vorurteilen aufräumen, wozu es Forschung überhaupt braucht. Das ist sehr vielschichtig. Um den Nachwuchs zu begeistern, müssen wir auch Social Media als wichtigen Kanal bespielen.

Radatz: Aber darauf beschränken wir uns nicht. Unsere Wissenschaftsvermittlung ist nicht One-Way, sondern bidirektional. Für Kinder und Jugendliche – oder bei der Einbeziehung von Citizen Science, wie jetzt am Ludwig Boltzmann Institute for Science Outreach and Pandemic Preparedness, indem wir Katzenbesitzer:innen bitten, uns die gefangenen Mäuse zur Verfügung zu stellen.

Klinische Forschungsgruppen sind der Neuzugang in der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. Wieso ist hier ein guter Ort dafür?

Welzig: Wir sind eine etablierte Forschungsorganisation und hatten wichtige Kompetenzen im Haus: eine Programmmanagerin, die selbst Clinical Trial Specialist ist, und unsere Präsidentin ist eine Klinikerin und hat klargemacht, dass Österreich hier nachziehen muss.

Frau Radatz, Sie haben für die Europäische Kommission und für ein international tätiges Mineralölunternehmen gearbeitet. Wie sehen Sie die LBG im europäischen Forschungsraum verankert?

Radatz: Unsere Institute sind international konkurrenzfähig, bewähren sich bei Horizon Europe – den ERC Grants, Marie Skłodowska-Curie Actions und so fort. Wir forcieren jegliche Vernetzung auf europäischer Ebene, stellen thematische Kontakte her. Wir sprechen gezielt Wissenschaftler:innen für Leitungspositionen an, die schon international tätig waren. Manche unserer Institute haben internationale Organisationen als Partner:innen, wobei es vom Thema abhängt, ob diese Vernetzung einen Mehrwert bringt. Es ist ein bisschen wie mit Interdisziplinarität: Sie kann sehr sinnvoll sein, aber nicht, wenn es nur darum geht, ein Kreuzchen in einem Kästchen machen zu können.

Welzig: Unsere Begutachtungen sind ausschließlich international und die Scientific Advisory Boards fast ausschließlich international besetzt. Wir holen die Außensicht zu uns herein und arbeiten auch mit Experts by Experience.

Können wir einen Sneak Peek bekommen, was 2026 in der Pipeline ist?

Welzig: Es wird klinische Forschung zum Thema Gendermedizin und Frauengesundheit geben und wir möchten ein Ludwig Boltzmann Institut daran anschließen. Und eines zur Therapie von Autoimmunerkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis.

Passt Ludwig Boltzmann als Namensgeber noch? Ein Vorbild der Forschungsgesellschaft sind die Howard Hughes Medical Institutes. Hughes war ein US-amerikanischer Millionär, Flugpionier und Ingenieur, dessen Leben mit Leonardo DiCaprio verfilmt wurde.

Radatz: Natürlich, es ist eine gut etablierte Marke. Boltzmann war Physiker, der sehr breit aufgestellt war, musisch und philosophisch interessiert und in Bezug auf die Interdisziplinarität seiner Zeit voraus war.

Welzig: Alle unsere Institute, auch die geistes- und kulturwissenschaftlichen, passen unter dieses Dach und in die Jetztzeit. Kriegsfolgenforschung, so bitter das ist, Grund- und Menschenrechte, Digital History. Sie bringen ebenfalls exzellente Grundlagenforschung mit Partner:innen in die Anwendung und wirken in die Gesellschaft.

Was treibt Sie an, die Ludwig Boltzmann Gesellschaft in die nächste Phase zu führen? Worin liegt die Kraft dieses Geschäftsführungs-Duos?

Welzig: Ich war selbst forschend tätig, habe dann begonnen, andere bei der Forschung zu unterstützen. Wie kann Forschung gelingen? Welche Rahmenbedingungen kann man dafür aufsetzen? Das treibt mich mein ganzes Leben lang schon an.

Radatz: Ich bin hineingewachsen und fühle mich in diesem Setting von hochintelligenten Personen einfach unglaublich wohl. Ich bin mit Freude dabei, wenn ich sehe, wie Dinge weitergehen und immer wieder Neues entstehen kann. Wir haben beide einen unterschiedlichen Background – Elvira ist Chemikerin, ich bin Juristin –, das ergänzt sich sehr gut. Wir haben ein anderes Denken, andere Zugänge und holen gemeinsam das Beste heraus.

Wie beschreiben Sie die Beziehung zwischen der Geschäftsstelle, wo wir gerade miteinander sprechen, zu den dezentralen Instituten?

Radatz: Es ist ein sehr gutes Zusammenarbeiten auf Augenhöhe und wir brauchen uns gegenseitig. Sie brauchen unsere Expertise und unser Verhandlungsgeschick für die Mittel, die zur Verfügung gestellt werden. Und wir brauchen den Input von den Instituten, um darstellen zu können, was alles geleistet wird.

 Welzig: Und am Ende des Tages sind wir für die Institute da.

Astrid Kuffner arbeitet als freie Journalistin, Texterin, Moderatorin und Sprecherin in Wien.