Zwischen Wien und New York:
Auf der Suche nach dem nächsten Virus –
und dem universellen Grippe-Impfstoff

Interview mit Florian Krammer, Leiter LBI SOAP

Vom US-Spitzenlabor zum innovativen Forschungsaufbau in Wien: Der Virologe Florian Krammer gestaltet als Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge (LBI SOAP) und Professor an der Medizinischen Universität Wien Österreichs Forschung zu Infektionskrankheiten und neuen Viren maßgeblich mit. Im Interview spricht er mit Eva Stanzl über prägende Jahre in den USA, seine Arbeit in Österreich, die Einbeziehung der Bevölkerung in die Forschung und sein großes Ziel eines universellen Influenza-Impfstoffs.

Die neuen LBIs sind im Prinzip den Howard Hughes Medical Institutes nachempfunden, das heißt: Man schreibt einen Antrag dafür. Wenn der gut bewertet wird und man den Zuschlag erhält, errichtet man für sieben oder maximal zehn Jahre ein Institut.

Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge (LBI SOAP)Florian Krammer

Sie sind in Voitsberg in der Steiermark geboren, Ihre Karriere haben Sie aber in den USA geprägt. Welcher Weg führte Sie in die internationale Forschung?

Florian Krammer: Ich wollte nach meiner Dissertation – da ging es um Influenza-Impfstoffe – zumindest ein Jahr in einem Influenza-Labor verbringen, das international in der Spitzenklasse spielt. Ich hatte die Möglichkeit, an das Europäische Laboratorium für Molekularbiologie in Grenoble oder an die Universität in Madison im US-Bundesstaat Wisconsin oder aber zu dem austroamerikanischen Virologen Peter Palese an das Mount Sinai Spital in New York zu gehen. Meine Frau wollte weder nach Frankreich noch nach Wisconsin, also wurde es New York. Und das hat sich ausgezahlt.

Inwiefern war New York die beste Wahl?

Krammer: Peter Palese ist ein extrem guter, aber auch harter Mentor. Peter ist sehr genau und verlangt viel von seinen Studierenden und Postdocs. Es war und ist dort normal, sieben Tage in der Woche zu arbeiten. Aber was mir sehr imponiert hat, war, dass Peter das auch gemacht hat. Er hat nichts verlangt, was er nicht selbst gemacht hat. Ich war am Wochenende im Labor, er aber auch. Und ich habe sehr, sehr viel von ihm gelernt. Etwa, dass jeder seine Meinungen und Ideen ausdrücken darf, auch wenn man damit einen Professor kritisiert. Oder, dass der freie Fluss von Ideen für Innovation und Wissenschaft wichtig ist, und dass man die Hierarchien klein halten muss, und dass man Möglichkeiten wahrnehmen muss, wenn sie sich bieten. Und ich habe gelernt, dass es nicht immer leicht ist. Er sagt gern: „If it would be easy, everybody could do it.“

Was waren Ihre prägendsten Erfahrungen in den USA? Und wie unterscheiden diese sich von der Forschungspraxis in Österreich?

Krammer: Wenig Bürokratie, viel Innovation, viel Förderung und grundsätzlich wenige Hürden – so kann man historisch die Forschungslandschaft in den USA beschreiben. Und es gibt eine starke „You can do this“-Mentalität: Es ist leicht, die Karriereleiter schnell hinaufzusteigen, wenn man etwas leistet. Die ständige „Action“ und die Energie am Institut und in den USA generell finde ich super. Und da muss man schon sagen, dass ich in Österreich erst einmal einen Kulturschock hatte!

Aus Österreich bekamen Sie eine Professur und zwei Institutsleitungen scheinbar zugleich angeboten. Das ist eher ungewöhnlich. Welche Kombination von Faktoren führte dazu und brachte Sie somit hierher zurück?

Krammer: Ich glaube, man muss das auseinanderhalten. Ich habe mich für die Professur an der Medizinischen Universität Wien beworben. Diese Professur beinhaltet die Aufgabe, das Ignaz Semmelweis Institut als langfristige Struktur aufzubauen, und zwar zusammen mit den Medizinischen Universitäten Graz und Innsbruck, der Johannes Kepler Universität Linz und der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Das Ludwig Boltzmann Institut für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge (LBI SOAP) hingegen ist anders strukturiert. Die neuen LBIs sind im Prinzip den Howard Hughes Medical Institutes nachempfunden, das heißt: Man schreibt einen Antrag dafür. Wenn der gut bewertet wird und man den Zuschlag erhält, errichtet man für sieben oder maximal zehn Jahre ein Institut.

Mich haben zwei unterschiedliche Dinge motiviert, mich hier zu bewerben. Beim Semmelweis Institut war es der Reiz, eine permanente, exzellente und international angesehene Forschungsstätte für Infektionskrankheiten in Österreich aufbauen zu können. Beim LBI SOAP war es die Möglichkeit, die Bevölkerung in die Pandemieforschung und -vorsorge miteinzubeziehen und ein Modell zu entwickeln, das man auch andernorts einführen kann.

Wie ist es, mit sich selbst zusammenzuarbeiten?

Krammer: Das erleichtert Kollaborationen ungemein! Aber ganz im Ernst: Die beiden Institutionen arbeiten super synergistisch zusammen.

Wie darf man sich das in der Praxis vorstellen?

Krammer: Die beiden Institute haben einen unterschiedlichen Fokus. Das LBI SOAP fokussiert auf Wissenschaftsvermittlung, Virusüberwachung im urbanen Raum, die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, Aufklärungsarbeit über einen Podcast namens viroLOGISCH, den ich dazu mache, und Seminare mit Vorträgen und Diskussionen unter dem Titel One Health, die sich an die allgemeine Bevölkerung richten. All dies hat vor allem einen Fokus auf Wien. Das Semmelweis Institut hat hingegen Infektionsbiologie im Generellen zum Fokus, dort geht es auch viel um klinische Forschung und eine internationale Ausrichtung. In der Praxis stellt sich aber die Frage kaum, was wohin gehört.

Und wie läuft die Arbeit dann tatsächlich ab?

Krammer: Einerseits können relevante Erkenntnisse, etwa aus der klinischen Forschung am Semmelweis Institut, über das LBI SOAP kommuniziert werden. Und in dem Fall, dass wir am LBI SOAP in der Virusüberwachung einen neuen problematischen Erreger in Tieren in Wien finden, können wir dort zwar beginnen, Impfstoffe oder Therapeutika zu entwickeln, aber die klinische Entwicklung soll über das Semmelweis Institut weitergeführt werden. Ich hoffe, wir haben in ein paar Jahren ein paar nette Beispiele dafür.

Welche Projekte wurden bereits begonnen?

Krammer: Unser momentanes Vorzeigeprojekt nennt sich ViroKitty. Da geht es darum, Katzenbesitzer:innen in die Forschung miteinzubeziehen. Viele Katzen in Wien verbringen den Tag ja nicht nur daheim, sondern sind auch draußen unterwegs und bringen Beute nach Hause. Wir bitten die Katzenbesitzer, sich bei uns zu melden, wenn das der Fall ist. Wir holen die Beute – etwa Nagetiere oder Vögel – dann ab und untersuchen sie einerseits auf bekannte Viren und andererseits auf mögliche neue Erreger. Die Daten werden dann alle sechs Monate allen Mitwirkenden inklusive der Katzenbesitzer:innen präsentiert. Dadurch können wir verstehen, welche Viren in diesen Wiener Haustieren zirkulieren, und zugleich die Bevölkerung direkt in die Wissenschaft einbeziehen.

Welche Forschungsarbeiten sollen als Nächstes folgen?

Krammer: Ein Projekt, bei dem wir Ratten in Wien auf unterschiedlichste Viren untersuchen, ist schon weit in der Planung. Ein weiteres Projekt, bei dem wir Schüler:innen in die Überwachung von Vogelviren in Wien einbeziehen, ist in der Anbahnungsphase. Gleichzeitig haben wir eine Kollaboration mit dem Semmelweis Institut gestartet, bei dem wir uns die Immunität in der Bevölkerung gegen eine Gruppe von Influenzaviren, H3N8, ansehen, die Potenzial für eine Pandemie haben. Wir haben viele Ideen, aber momentan leider nur 20 Hände.

Das Kernteam am LBI SOAP besteht derzeit aus zehn Personen, die in drei verschiedenen Gebäuden arbeiten. Wie darf man sich den Arbeitsablauf vorstellen?

Krammer: Na ja, die Büroflächen am MedUni-Campus sind nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Das Labor in Wien-Oberlaa ist etwas weiter weg, aber auch leicht zu erreichen. Und die Kommunikation funktioniert einfach über WhatsApp und Zoom – das ist ja auch nötig, weil ich viel unterwegs bin. Aber am MedUni-Campus haben wir eine Kaffeeküche, in der man sich oft trifft. Die drei Standorte sind eine Übergangslösung. Zwischen 2028 und 2030 sollte es ein eigenes Semmelweis-Institutsgebäude mit Platz für das LBI SOAP geben.

„Den Professor, der allein im Labor sitzt und dann ‚Heureka‘ schreit, gibt es nicht mehr“, sagten Sie einmal in einem Zeitungsinterview. Welche Rolle spielt Teamarbeit in Ihrer Forschung?

Krammer: Eine Schlüsselrolle. Ohne Team keine Forschung. Einerseits geht es da um die eigene Arbeitsgruppe und die Leute im Labor und in der Administration. Andererseits geht es um Kollaboration mit vielen und auch internationalen Partnern.

Neben Ihren beiden Führungsaufgaben in Wien arbeiten Sie auch an Impfstoffen in den USA. Wie kommt man insgesamt drei beruflichen Positionen zugleich nach?

Krammer: Es ist viel Arbeit. Ich hatte seit letztem Sommer zwei Tage wirklich frei, das inkludiert auch Wochenenden und Feiertage. Ich pendle ja nach wie vor alle paar Wochen hin und her. Aber es wird immer mehr Europa und immer weniger USA, und da der US-Fokus nachlässt, wird sich das in nächster Zeit auch verbessern, dann ist wieder mehr Zeit für Wandern und Sport.

Immer wieder werden Forschende, die in den USA arbeiten, aber nicht US-Staatsbürger:innen sind, an der Grenze ausgewiesen, wenn sie ein paar Wochen zu Hause waren und wieder einreisen wollen, um zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Haben Sie eine Doppelstaatsbürgerschaft?

Krammer: Es gibt viele Probleme mit US-Visa, auch wenn die Realität vielleicht weniger krass ist, als in den europäischen Medien berichtet wird. Aber ich habe eine legale Doppelstaatsbürgerschaft, und das macht die Sache schon um Einiges einfacher.

Wie hat sich die Forschung für Sie persönlich in den USA im letzten Jahr unter Präsident Donald Trump verändert?

Krammer: Es hat sich vieles verändert. Eines unserer US-Großprojekte zu einem breit wirksamen Grippeimpfstoff wird nicht weiter gefördert. Ich hatte da im Prinzip die letzten sieben Jahre meines Lebens reingesteckt, und wir waren extrem erfolgreich damit. Auch einige andere Projekte wurden „terminiert“, wie man so schön sagt. Es wird sehr viel kaputt gemacht. Andererseits ist mein Fokus jetzt in Europa, und das ist gut so.

Was ist Ihr eigener größter Wunsch an Ihre eigene Wissenschaft: Was möchten Sie aus tiefstem Herzen wirklich gerne entdecken?

Krammer: Grundsätzlich freue ich mich am meisten über Kleinigkeiten, wie etwa ein neues Virus zu finden und zu charakterisieren, oder einen Antikörper mit einem neuen antiviralen Mechanismus zu entdecken, oder das erste Mal ein neues Protein zu sehen. Was aber das große Ganze betrifft, würde ich schon noch sehr gerne einen Influenza-Impfstoff fertig entwickeln, der gut und breit vor Infektionen und nicht nur vor der Erkrankung schützt. Unser Universal-Influenza-Impfstoff hat in frühen klinischen Studien gut funktioniert und geht jetzt, im mRNA-Format, wieder in eine klinische Studie. Wir haben gute Ansätze, aber bis zur Zulassung ist es da noch weit.

Eva Stanzl ist Wissenschaftsredakteurin der Wiener Zeitung und Vorstandsvorsitzende des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen Österreichs