Exzellente Wissenschaft in den Bereichen Onkologie und Neurologie:
Die neuen Klinischen Forschungsgruppen (KFG)

Interview

Das vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) gemeinsam mit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) ins Leben gerufene Programm Klinische Forschungsgruppen (KFG) ist Österreichs erste kollaborative Forschungsförderung mit klarem Fokus auf patientenorientierte, medizinisch relevante Themen im Gebiet der nicht-kommerziellen klinischen Forschung.

Mit dem Programm wurde 2022 eine Förderlücke im klinischen Forschungsbereich geschlossen, um Ergebnisse aus der Grundlagenforschung näher an die Patient:innen zu bringen. Der zweite Call berücksichtigte gemäß der „EU-Mission Cancer“ auch Krebsforschung. Nach einer umfassenden Ausschreibung wurden die drei neuen Forschungsgruppen „CRC-Res“„StrikeBC“ und „EPICONN“ von einer hochkarätigen internationalen Expert:innen-Kommission ausgewählt und werden nun für bis zu acht Jahre und mit bis zu 8,32 Mio. Euro aus Mitteln des BMFWF und des Fonds Zukunft Österreich gefördert.

Foto: BKA/Andy Wenzel

Das Förderprogramm unterstreicht Österreichs Engagement für eine patient:innennahe und praxisorientierte klinische Forschung. Wir sind damit nicht nur Förderin, sondern gestalten aktiv mit: als Brückenbauerin zwischen Praxis und Wissenschaft. Wir sorgen für evidenzbasierte Innovation in der Gesundheitsversorgung und stärken dadurch den Gesundheits- und Forschungsstandort.

Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und ForschungEva-Maria Holzleitner

Epilepsie vernetzt denken und behandeln

EPICONN – Towards EPIleptomics – a CONNectome-based perspective on epileptic networks, cognition and clinical outcome

Die Ursachen und Verläufe von Epilepsie wurzeln häufig nicht in einzelnen ‚defekten‘ Hirnregionen, sondern in Veränderungen komplexer Netzwerke im Gehirn. Die Forschungsgruppe „EPICONN“, geleitet von Silvia Bonelli-Nauer von der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien, hat sich zum Ziel gesetzt, diese komplexen Veränderungen interdisziplinär zu identifizieren und daraus individuell bestmögliche Behandlungen zu entwickeln.

Wie haben Sie mit Ihrem klinischen Fachgebiet zusammengefunden? Was motiviert Sie?

Silvia Bonelli-Nauer: Mein Zugang zur Epileptologie ist stark durch die Verbindung von klinischer Medizin und Neurowissenschaft geprägt. Epilepsie zeigt unmittelbar, wie eng Hirnfunktion, Verhalten und Lebensqualität zusammenhängen. Durch präzise Diagnostik und gezielte therapeutische Entscheidungen – ob medikamentös, neurochirurgisch oder technologisch unterstützt – kann das Leben der Patient:innen spürbar verbessert werden. An unserer Klinik hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Neurologie, Neurochirurgie, Radiologie, Nuklearmedizin und anderen Spezialgebieten eine lange Tradition. Sie mündet in gemeinsamen Fragestellungen wie jener, warum manche Patient:innen sehr gut auf Therapien ansprechen, während andere trotz moderner Medikamente weiterhin Anfälle haben. Was mich täglich motiviert, ist diese Verbindung aus wissenschaftlicher Neugier, Teamarbeit und unmittelbarer klinischer Relevanz.

Welche Lücke wird mit der klinischen Forschungsgruppe geschlossen?

Bonelli-Nauer: Rund ein Drittel der Patient:innen mit fokaler Epilepsie spricht nicht ausreichend auf medikamentöse Therapien an. Das bedeutet jahrelange Krankheitsverläufe, wiederholte Anfälle, Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und erhebliche Auswirkungen auf Lebensqualität und soziale Teilhabe. Gleichzeitig können wir zu Beginn der Erkrankung kaum vorhersagen, wer betroffen sein wird und was die bestgeeignete Therapie ist.

Wir wissen, dass Epilepsie häufig nicht von einer einzelnen ‚defekten‘ Hirnregion ausgeht, sondern von Veränderungen komplexer Hirn-Netzwerke. Sie bestimmen, wo Anfälle entstehen, wie sie sich ausbreiten und auch wie sich die Erkrankung langfristig entwickelt – einschließlich möglicher kognitiver Folgen. Bei EPICONN untersuchen wir diese Netzwerke systematisch. Wir kombinieren moderne Bildgebung, genetische Analysen und Methoden der künstlichen Intelligenz, um Netzwerk-Biomarker zu identifizieren. So wollen wir Risiken früher erkennen und besser vorhersagen, welche Therapieoptionen besonders erfolgversprechend sind. Langfristig geht es um neue Therapieansätze für Menschen mit schwer behandelbarer Epilepsie, neue Möglichkeiten für individualisierte chirurgische Strategien, minimalinvasive Eingriffe oder innovative neuromodulatorische Therapien.

Was war notwendig, um mit der Forschung loszulegen? Mit wem haben Sie sich vernetzt?

Bonelli-Nauer: Grundlage war ein starkes interdisziplinäres Netzwerk aus Neurologie, Neurochirurgie, Radiologie, Nuklearmedizin, Genetik und Computational Neuroscience. Viele Kooperationen entstanden bereits im Rahmen des „Comprehensive Centre for Clinical Neurosciences and Mental Health“, des „Epilepsy-Surgery-Programmes“ und der „Research Platform for Medical Imaging“. Ich arbeite in der Leitung mit Roxane Licandro und Gilbert Hangel zusammen. Gemeinsam koordinieren wir strategische und organisatorische Aufgaben, setzen wissenschaftliche Schwerpunkte und betreuen die jungen Forscher:innen. In den ersten vier Jahren werden wir rund 300 Patient:innen mit fokaler Epilepsie umfassend untersuchen und klinische Daten, Bildgebung und genetische Informationen miteinander verknüpfen. In der zweiten Projektphase werden die entwickelten Methoden in einer multizentrischen Studie an allen österreichischen Epilepsiezentren eingesetzt.

Was haben Sie unterschätzt?

Bonelli-Nauer: Der organisatorische Aufwand eines so großen, interdisziplinären Projekts ist beträchtlich. Neben wissenschaftlichen Fragen müssen strukturelle und administrative Aspekte koordiniert werden. Gleichzeitig zeigt sich hier der Mehrwert einer strukturierten klinischen Forschungsgruppe.

Was war einfacher als gedacht?

Bonelli-Nauer: Die Begeisterung für das Thema zu wecken. Da Epilepsie viele Disziplinen berührt, war das Interesse, gemeinsam bei einer der häufigsten neurologischen Erkrankungen voranzukommen, von Beginn an sehr groß. Auch die Resonanz aus der Community war extrem positiv.

Was brauchen Sie noch?

Bonelli-Nauer: Gute wissenschaftliche Ergebnisse! Das wird durch die enge Zusammenarbeit von Postdocs und Ph.D.-Studierenden aus unterschiedlichen Disziplinen erreicht, an einem Ort, in einem Team. Für den langfristigen Erfolg ist eine stabile Infrastruktur wichtig, internationale Kooperationen und neue Methoden dauerhaft in der klinischen Versorgung zu verankern.

Besonderes Augenmerk lag auf Diversität, Gleichbehandlung und Inklusion im Team und in der Forschung. Was unternehmen Sie dafür?

Bonelli-Nauer: Wir fördern den Nachwuchs und ermöglichen, in einem internationalen, interdisziplinären und diversen Umfeld zu arbeiten. Vorbildfunktion und Teamkultur sind das Um und Auf. Wir haben transparente Auswahlprozesse, in denen Qualifikation das maßgebliche Kriterium ist, und achten bewusst auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis und internationale Vielfalt. Wir fördern junge Talente durch Mentoring und klare Karriereperspektiven. In unseren Studien beziehen wir unterschiedliche Patient:innengruppen ein und untersuchen systematisch mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erkrankung.

Was passiert in den ersten sechs Monaten bis Juli 2026?

Bonelli-Nauer: Neben Auswahl und Onboarding von Postdocs und Ph.D.-Studierenden, Studienprotokollen und Beginn der Rekrutierung von Patient:innen werden Datenplattformen aufgebaut und interdisziplinäre methodische Workflows abgestimmt. Ziel ist, möglichst rasch eine funktionierende Forschungsumgebung zu schaffen, in der unterschiedliche Datentypen integriert analysiert werden können.

Was empfehlen Sie anderen Menschen, die so eine Struktur aufbauen wollen?

Bonelli-Nauer: Das Wichtigste ist ein starkes interdisziplinäres Team mit einer gemeinsamen Vision. Wenn es gelingt, unterschiedliche Expertisen zu bündeln und jungen Forscher:innen Raum für eigene Ideen zu geben, kann eine dynamische Forschungsumgebung entstehen – mit direktem Nutzen für Patient:innen. In der Aufbauphase zudem Geduld und Ausdauer.

Das Unterstützernetzwerk von Darmkrebs im Blick

CRC-Res – Rational and Personalized Targeting of Chemotherapy Resistance in Gastrointestinal Cancer

Johannes Längle, Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Viszeralchirurgie, leitet als Primus inter pares die Klinische Forschungsgruppe (KFG) „CRC-Res“. Ein bewährtes Krebsforschungs-Netzwerk an der MedUni Wien, ergänzt um Expertise der Vetmeduni Wien, will auch die „Bystander“ des Bösewichts Krebs verstehen und so noch besser personalisierte Behandlungsmöglichkeiten finden.

Präsentation der neuen KFG am 7. Juli 2025 in Wien. V.l.n.r. Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation der MedUni Wien; Freyja-Maria Smolle-Jüttner, Präsidentin LBG; Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung; Silvia Bonelli-Nauer, Leiterin KFG EPICONN; Bernhard Englinger, Leiter KFG StrikeBC; Johannes Längle, Leiter KFG CRC-Res.

Wie haben Sie mit Ihrem klinischen Fachgebiet zusammengefunden? Was motiviert Sie?

Johannes Längle: Meine Eltern sind beide Mediziner, ich bin also in einem förderlichen Umfeld aufgewachsen. An der Chirurgie mag ich das Handwerk. Ich kann als Person etwas tun, was den Unterschied macht. Die Patient:innen geben Chirurgen und Chirurginnen die Erlaubnis zur Körperverletzung – eine der wahrscheinlich intimsten Beziehungen, die man als Arzt mit Patient:innen haben kann. An der MedUni Wien sind wir primär nicht für Standardroutinen da, sondern für Spitzenversorgung, für Lehre mit Bedside Teaching und der Weitergabe neuesten Wissens sowie grundlagenorientierte und klinische Forschung. Neben der Möglichkeit, zu heilen, will ich forschen, um Krebs immer besser zu verstehen. Forschung ist die beste Medizin.

Welche Lücke wird mit der Klinischen Forschungsgruppe geschlossen?

Längle: Für die Entstehung und Behandlung von Krebs ist auch das Umfeld des Tumors entscheidend. Mit der Charakterisierung von Krebszellen ist viel erreicht worden, aber Krebszellen manipulieren auch die Zellen ihrer Umgebung – Fibroblasten, Immunzellen, Blut- und Lymphgefäße etc. Sie programmieren sie um, damit sie zu unterstützenden Strukturen werden. Wenn alle auf den Bösewicht schauen, werden die „Bystander“ nicht berücksichtigt. In bestehenden Forschungsnetzwerken haben wir schon bisher versucht, dieses Zusammenspiel beim Darmkrebs umfassender zu verstehen. Mit „CRC-Res“ wollen wir mit personalisierten Tumormodellen neue therapeutische Ansätze identifizieren. Wir bauen eine entsprechende Biobank mit Gewebeproben auf und haben eine Achse zum Tiermodell für erste klinische Testreihen. Langfristig wollen wir funktionierende Modelle auf andere viszeralchirurgische Tumoren im Magen-Darm-Trakt ausweiten. Wir wollen verstehen, warum verschiedene Krebsarten auf eine Therapie initial gut ansprechen, über die Zeit aber Resistenzen entwickeln. Mit dem Einverständnis der Patient:innen entnehmen wir bei Operationen und – dank anderer Kolleg:innen im Haus – auch im Rahmen von Biopsien Tumorgewebe (vom Primum und/oder von Metastasen). Diese Proben züchten wir im Labor weiter, um gezielt zu untersuchen, welche Wirkstoffkombination den besten therapeutischen Effekt verspricht.

Was war alles notwendig, um mit der Forschung loszulegen? Mit wem haben Sie sich vernetzt?

Längle: Wir hatten innerhalb der MedUni Wien schon gut etablierte Netzwerke, als wir uns für den Call beworben haben. Neu ist die Kooperation mit der Vetmeduni Wien, um erfolgversprechende Ansätze im Tiermodell weiter testen zu können. Der Antrag wurde gemeinsam konzipiert: Mit allen am Projekt beteiligten Principal Investigators im Core Team und dem Extended Team (Collaborators). Wir können jetzt langfristiger planen, die notwendigen Prozesse und Pipelines aufbauen. Mit mehr Personal und Budget können wir die unabhängige, akademische klinische Forschung skalieren. Da wird auch eine Lücke geschlossen.

Was haben Sie unterschätzt?

Längle: Die Bürokratie hinter diesen Kooperationen ist erheblich. Die Abstimmung mit Rechtsabteilungen, Finanzabteilungen, Rahmenverträge, die zu den Logiken verschiedener Institutionen passen.

Was war einfacher als gedacht?

Längle: Die Zusage zu bekommen war eine große Freude. Wir hatten gute Ausgangsbedingungen als große akademische Institution in Österreich und Krebs ist zudem natürlich ein ungeheuer wichtiges Thema.

Was brauchen Sie noch?

Längle: Wir müssen jetzt einfach loslegen. Was bei einem solchen Unterfangen immer helfen würde, ist mehr institutionelle Unterstützung – da sind wir in Österreich hintennach. Ein engagiertes Forschungsservice, wo Rechts-, PR- und Finanzabteilung etc. abgestimmt sind, sodass sich Forschende auf ihre eigentlichen, die fachlichen Aufgaben fokussieren können.

Besonderes Augenmerk lag auf Diversität, Gleichbehandlung und Inklusion im Team und in der Forschung. Was unternehmen Sie dafür?

Längle: Wir sind ein Zusammenschluss von eigenständigen Principal Investigators, die auf Augenhöhe für ihre Work Packages arbeiten, ein Budget bekommen und selbst weitere Positionen ausschreiben. Ich sehe meine Rolle primär als Sprecher eines Konsortiums. Die Leitungsfunktion ist nicht klassisch hierarchisch, sondern eine repräsentative Aufgabe innerhalb eines gleichberechtigten Verbundes, die weitergegeben wird. Wir mussten hier nicht steuern, sondern haben eine bestehende Dynamik genutzt.

Was passiert in den ersten sechs Monaten bis Juli 2026?

Längle: Ich bin selbst erst im Februar 2026 aus Brisbane zurückgekehrt, wo ich mich in minimalinvasiver Chirurgie der Leber, Bauchspeicheldrüse und Gallenwege (HPB) weitergebildet habe. Ein halbes Jahr Vorarbeit hat es gebraucht, bis die Mittel auf dem Konto waren, Verträge unterzeichnet, Ausschreibungen formuliert, Personal rekrutiert, die Prozesse für die Biobank etabliert waren. Wir haben auf bisherigen Wegen weiter experimentiert und können jetzt expandieren. Wobei es nicht nur darum geht, neue Proben anzuhäufen, sondern auch bestehendes verfügbares Material zu testen, bioinformatisch zu analysieren. Wenn sich etwas Vielversprechendes zeigt, haben wir verschiedene Testschienen und greifen dann auf vergleichbare Proben in der Biobank zu. Wir haben schon mehr als 45 Tumor-Avatare, von denen wir die umgebende Struktur kennen, und über die Vetmeduni auch die Möglichkeit, gezielt Kollektive von Mausmodellen für Versuchsreihen abzurufen. Davon erhoffen wir uns in den Erkenntnissen das Pendant zum Zinseszinseffekt.

Was empfehlen Sie anderen Menschen, die so eine Struktur aufbauen wollen?

Längle: Ich denke, bestehende Netzwerke sind essenziell. Ich glaube, es wird darauf geschaut, ob ein Netzwerk, eine bereits vorhandene Forschungsstruktur in der Zukunft bestehen und noch besser werden kann.

Translationaler Lückenschluss bei Blasenkrebs

StrikeBC – Multimodal Strategies to Target Key Challenges in Bladder Cancer

„StrikeBC“ will die Überlebenschancen und die Lebensqualität von Menschen mit Blasenkrebs verbessern. Bernhard Englinger von der Universitätsklinik für Urologie der MedUni Wien leitet die Klinische Forschungsgruppe. Mit neuen Biomarkern – und klarem Fokus auf das Wohlbefinden – soll die Lücke zwischen Erkenntnissen aus der molekularen Grundlagenforschung und passender Behandlung geschlossen werden.

Wie haben Sie mit Ihrem klinischen Fachgebiet zusammengefunden? Was motiviert Sie?

Bernhard Englinger: Mein wissenschaftlicher Hintergrund liegt in der molekularen Krebsbiologie und funktionellen Genomik. Meine Ausbildung und Aufenthalte in internationalen Forschungseinrichtungen machten mir bewusst, wie schwierig die Translation molekularer Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung sein kann. An der Universitätsklinik für Urologie hatte ich die Möglichkeit, diese beiden Welten stärker zusammenzuführen. Besonders im Bereich des Blasenkarzinoms gibt es große medizinische Herausforderungen und gleichzeitig enorme Chancen, moderne molekulare Technologien in die klinische Forschung zu integrieren. Mich motiviert die Möglichkeit, gemeinsam mit Kolleg:innen aus Klinik und Grundlagenforschung jeden Tag neue Wege zu entwickeln, um Therapieentscheidungen besser zu personalisieren und die Behandlung von Patient:innen langfristig zu verbessern.

Welche Lücke wird mit der Klinischen Forschungsgruppe geschlossen?

Englinger: „StrikeBC“ verfolgt einen integrativen Ansatz: Wir verbinden klinische Daten, Bildgebung, molekulare Analysen von Tumorgewebe sowie Liquid Biopsies aus Blut und Urin mit modernen bioinformatischen Methoden – und stellen parallel das Befinden der Patient:innen in den Fokus. Ziel ist es, eine umfassende nationale Forschungsplattform aufzubauen, die es erlaubt, neue Biomarker zu identifizieren und Therapiestrategien besser zu personalisieren. „StrikeBC“ schließt so eine Lücke zwischen klinischer Versorgung und moderner, interdisziplinärer Krebsforschung. Obwohl sich die Therapie des Blasenkarzinoms in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat, fehlen weiterhin zuverlässige Biomarker, um vorherzusagen, welche Patient:innen besonders von bestimmten Therapien profitieren und eine intensivere oder aber auch eine weniger intensive Behandlung benötigen.

Was war alles notwendig, um mit der Forschung loszulegen? Mit wem haben Sie sich vernetzt, um bestmöglich zu arbeiten?

Englinger: Neben der wissenschaftlichen Planung mussten zahlreiche organisatorische und regulatorische Voraussetzungen geschaffen werden, u.a. Konsortialverträge zwischen allen beteiligten Institutionen, Ethikanträge für die klinischen Studien, der Aufbau einer zentralen Biobank sowie die Entwicklung standardisierter Standard Operating Procedures für Probenlogistik und Datenmanagement. Parallel dazu wurde ein nationales Netzwerk aus klinischen Zentren aufgebaut, um Patient:innen in die Studie einzuschließen. Wissenschaftlich arbeiten wir eng mit führenden Forschungsinstitutionen in der molekularen Krebsforschung, Bioinformatik und funktionellen Genomik zusammen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidend, um klinische, molekulare und datenwissenschaftliche Expertise optimal zu verbinden. Die Klinische Forschungsgruppe ist bewusst als Teamstruktur aufgebaut. Die stellvertretende Leiterin, Ekaterina Laukhtina, übernimmt eine wichtige Rolle bei der Implementierung der explizit klinischen Studienkomponenten. Projektmentor ist Shahrokh Shariat.

Was haben Sie unterschätzt?

Englinger: Den organisatorischen Aufwand zum Aufbau einer nationalen klinischen Forschungsinfrastruktur haben wir vermutlich unterschätzt. Die Abstimmung, die Entwicklung gemeinsamer Standards sowie regulatorische Anforderungen benötigen viel Zeit und Koordination. Gleichzeitig ist diese Phase entscheidend, um langfristig eine stabile und nachhaltige Forschungsplattform zu schaffen.

Was war einfacher als gedacht?

Englinger: Erfreulich war die große Bereitschaft zur Zusammenarbeit innerhalb der österreichischen urologischen Community. Viele Kolleg:innen haben großes Interesse daran, gemeinsam an einer nationalen Forschungsplattform zu arbeiten und ihre klinische Expertise einzubringen. Diese Unterstützung erleichtert den Aufbau des Netzwerks erheblich.

Was brauchen Sie noch?

Englinger: In der Aufbauphase ist der weitere Ausbau der Infrastruktur entscheidend. Dazu gehören insbesondere die vollständige Implementierung der Studienplattform, der Aufbau einer innovativen Datenbank sowie die beginnende Patient:innenrekrutierung.

Langfristig wird es wichtig sein, zusätzliche internationale Kooperationen aufzubauen und weitere Fördermittel einzuwerben, um die Forschungsplattform nachhaltig weiterzuentwickeln.

Besonderes Augenmerk lag auf Diversität, Gleichbehandlung und Inklusion im Team und in der Forschung. Was unternehmen Sie dafür?

Englinger: Diversität und Gleichbehandlung sind ein zentraler Bestandteil unserer Arbeitsweise. Auf personeller Ebene achten wir im Team auf unterschiedliche fachliche Hintergründe und internationale Erfahrungen. Besonders wichtig sind uns die Förderung von Nachwuchswissenschaftler:innen sowie die Unterstützung von Wissenschaftlerinnen in frühen Karrierephasen. In der Forschung analysieren und erfassen wir Daten aus unterschiedlichen Patient:innenpopulationen, um möglichst generalisierbare Erkenntnisse zu gewinnen.

Was passiert in den ersten sechs Monaten bis Juli 2026?

Englinger: Im ersten Jahr liegt der Schwerpunkt klar auf dem Aufbau der Infrastruktur.

Geplant sind u.a. der Start der klinischen Beobachtungsstudie, der Aufbau der zentralen Projekt-Datenbank, die Implementierung der Biobankstruktur sowie die Etablierung standardisierter Prozesse für die Probenlogistik und molekulare Analysen. Parallel dazu werden erste Patient:innen in die Studie eingeschlossen und das nationale Netzwerk der beteiligten Zentren wird weiter ausgebaut.

Was empfehlen Sie anderen Menschen, die so eine Struktur aufbauen wollen?

Englinger: Eines der wichtigsten Learnings ist, frühzeitig eine klare wissenschaftliche Vision zu entwickeln, zu deren Verwirklichung man ein hochspezialisiertes, euphorisches Expert:innenteam aus unterschiedlichen klinischen und Wissenschaftsdisziplinen gewinnen kann. Klinische Forschung ist Teamarbeit und lebt von interdisziplinärer Zusammenarbeit. Ebenso wichtig ist es, ausreichend Zeit für den Aufbau der organisatorischen Infrastruktur einzuplanen. Gut funktionierende Prozesse für Datenmanagement, Biobanking und Studienkoordination sind entscheidend für den langfristigen Erfolg.