Perspektivenvielfalt stärken. Karrierewege öffnen.

Interview mit Susanne Leeb, Director LBG Career Center

Innovativ, praxisnah und wegweisend – das Career Center ist seit fast 10 Jahren eine zentrale Plattform für Karriereentwicklung von Forschenden in Österreich. Susanne Leeb leitet das Center seit April 2022. Im Interview spricht sie mit Julia Knichel über innovative Programme und Entwicklungsmöglichkeiten für Forschende, teilt persönliche Erfolgsmomente und gibt einen Ausblick auf die Pläne für 2026.

Unser besonderer Mehrwert liegt darin, Forschende aus unterschiedlichen Organisationen zusammenzubringen und sie mit verschiedenen Sektoren – Wissenschaft, Wirtschaft, dem öffentlichen Bereich, der Zivilgesellschaft – zu vernetzen. So entstehen neue Perspektiven, Austausch auf Augenhöhe und nachhaltige Karrierewege.

Director LBG Career CenterSusanne Leeb

Das LBG Career Center unterstützt Forschende dabei, ihre beruflichen Perspektiven innerhalb und außerhalb der Wissenschaft aktiv zu gestalten, und stärkt damit langfristig den Forschungsstandort Österreich. Es reagiert frühzeitig auf Trends und unterstützt mit innovativen Programmen nachhaltige Karrierewege in der Forschung.

Der Weg in der Wissenschaft ist lang, anspruchsvoll und von Unsicherheiten geprägt. Jahre intensiver Forschungsarbeit, befristete Postdoc-Positionen mit unklaren Perspektiven und wiederholten Vertragsverlängerungen bestimmen für viele den Alltag. Eine transparente und frühzeitige Information über die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Karriere gibt es oftmals nicht.

Gleichzeitig fehlt es oft auch an systematischer Begleitung und frühzeitiger Information über alternative Karrierewege jenseits der Universität, was mit Unsicherheit, fehlender Vorbereitung auf den außeruniversitären Arbeitsmarkt und dem Gefühl des Scheiterns einhergeht. Strukturierte, organisationsübergreifende Angebote zur Karriereentwicklung von Forschenden – insbesondere für Übergänge zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – waren in Österreich lange kaum etabliert. Das Career Center schloss diese Lücke und entwickelte erstmals eine überinstitutionelle Plattform für wissenschaftliche Karriereentwicklung.

Welche konkreten Maßnahmen oder Unterstützungsangebote stellt das LBG Career Center bereit, um junge Forschende frühzeitig bei ihrer individuellen Karriereentwicklung zu begleiten?

Susanne Leeb: Unser Anspruch war und ist es, alle realistischen Karriereoptionen sichtbar zu machen – innerhalb und außerhalb der Wissenschaft – und gemeinsam individuelle und gleichwertig wertvolle Karrierepfade zu entwickeln. Forschende sollen befähigt werden, eigenverantwortlich und proaktiv Entscheidungen zu treffen und ihre berufliche Zukunft bewusst zu gestalten. Gut gestaltete Karrierewege sind eine zentrale Voraussetzung für exzellente Forschung. Indem das Career Center Orientierung, Netzwerke und Entwicklungsmöglichkeiten bietet, trägt es dazu bei, dass wissenschaftliche Talente langfristig im österreichischen Innovationssystem wirksam bleiben.

Im Rahmen einer österreichweiten Hochschulkooperation, mit der Universität Wien als Hauptpartner, agiert das Career Center heute universitätsübergreifend. Das Angebot soll nicht nur intern wirken, sondern Impulse ins gesamte Universitätssystem tragen. Deshalb setzt das Career Center konsequent auf Synergien: Bestehende Expertise wird gebündelt, gestärkt und systemweit nutzbar gemacht. Die Programme ergänzen die bestehenden Maßnahmen einzelner Universitäten – sie treten nicht in Konkurrenz, sondern schaffen zusätzliche, verbindende Möglichkeiten. Jede Universität kann unser Programm flexibel in ihr eigenes Portfolio integrieren, und Postdocs können sich ebenso direkt an uns wenden.

Die Programme des Career Centers reichen von Leadership bis Mental Health. Welche konkreten Angebote helfen jungen Forschenden dabei, auch in Phasen von Leistungsdruck und beruflicher Ungewissheit psychisch gesund zu bleiben?

Gerade Gefühle wie Scheitern, Unsicherheit oder Unklarheit fangen wir gezielt auf. In persönlichen Betreuungsprozessen wird deutlich: Jeder Mensch ist anders – und genau dort muss man ansetzen. Manche wissen bereits sehr genau, wohin sie wollen, und können konkrete Maßnahmen setzen. Andere brauchen zunächst einen Coachingprozess oder eine Potenzialanalyse, um sich über die eigene Identität jenseits der fachlichen Expertise klar zu werden: Wer bin ich eigentlich? Was sind meine Stärken, Interessen, Werte und was motiviert mich aktuell?

Ein zentraler Erfolgsfaktor unserer Programme ist der geschützte, organisationsübergreifende Rahmen. Das ist entscheidend, denn vielen Forschenden fällt es nicht leicht, in ihrer eigenen Institution offen anzusprechen, dass sie möglicherweise über eine berufliche Veränderung nachdenken. In diesem sicheren Umfeld können daher auch Themen zur Sprache kommen, die viele Wissenschaftler:innen beschäftigen – unabhängig davon, welchen Karriereweg sie einschlagen möchten.

Ein wichtiges Format unserer Programme widmet sich daher der Mental Health: Fragen rund um Resilienz, Leistungsdruck und Unsicherheit betreffen Forschende gleichermaßen, egal ob sie in der Wissenschaft bleiben oder sich in Richtung Industrie oder Privatwirtschaft orientieren.

Ein weiterer Fokus liegt auf Leadership. Professor:innen und Vorgesetzte haben einen enormen Einfluss darauf, welches Karriereverständnis junge Forschende entwickeln. Sie prägen maßgeblich das Bild davon, was als „erfolgreiche“ oder „wertvolle“ Laufbahn gilt.

Genau hier setzen wir an: Wir erweitern Perspektiven, stärken Führungskompetenz und schaffen Räume, in denen unterschiedliche Karrierewege als gleichwertig gedacht werden können.

Wichtig ist die klare Botschaft: Außerhalb der akademischen Laufbahn eröffnen sich zahlreiche attraktive Perspektiven. Verantwortungsvolle Führung kann hier unterstützen, Alternativen aufzeigen und Kontakte vermitteln – sodass aus einem vermeintlichen „Plan B“ eine selbstbewusste, gleichwertige Karriereentscheidung wird.

Gibt es bereits messbare Effekte oder Rückmeldungen aus der Zielgruppe?

Ja – seit unserem Start im Jahr 2016 hat das Career Center eine Pionierrolle in der strukturierten Karriereentwicklung für Forschende in Österreich übernommen. Unsere Programme wurden mehrfach extern evaluiert und als qualitativ hochwertig und wirkungsvoll bestätigt, was sich auch im positiven Feedback der Teilnehmenden widerspiegelt.

Auf dieser Grundlage konnten wir unsere Aktivitäten weiter ausbauen: Seit Beginn der Hochschulkooperation im Jahr 2025 konnten bereits über 2000 Pre- und Postdocs sowie Führungskräfte in der Forschung aus ganz Österreich von unseren vielfältigen Angeboten profitieren. Zusätzlich haben wir rund 200 individuelle Karriereentwicklungsprozesse von Early-Career- und Senior-Forschenden begleitet. Diese persönliche Unterstützung ermöglicht nachhaltige Entscheidungen und konkrete nächste Schritte in den verschiedenen Karrierephasen.

Darüber hinaus haben wir mehr als 40 Events, sechs Special Programs sowie zahlreiche Kooperationsprojekte auf nationaler und internationaler Ebene umgesetzt.

Was waren für Sie besondere Erfolge aus dem letzten Jahr?

Für mich gab es im Jahr 2025 zwei besondere Highlights:

Im Juni fand ein großes Networking-Event mit über 200 Teilnehmenden statt. In interaktiven World-Café-Settings tauschten sich die Teilnehmenden intensiv aus – darunter auch reichweitenstarke Wissenschaftler:innen, sogenannte Wissenschafts-Influencer:innen. Der offene Austausch zu unterschiedlichen Aspekten wissenschaftlicher Karrierewege machte das Event besonders lebendig und inspirierend.

Ein weiteres Highlight war im November der erste Vienna Postdoc Career Day. Sechs österreichische Forschungsorganisationen haben sich dafür zusammengeschlossen und einen ganzen Tag rund um Karrierethemen für Postdocs gestaltet. Über 400 Teilnehmende nutzten die Gelegenheit, sich zu vernetzen, Informationen zu sammeln und sich auszutauschen. Besonders schön war die Rückmeldung der Zielgruppe: Viele sind dankbar, endlich als eigenständige Gruppe wahrgenommen und gezielt angesprochen zu werden.

Auf welche spannenden Formate und Projekte freuen Sie sich 2026?

Jetzt widmen wir uns einem Projekt, das mir persönlich sehr am Herzen liegt: dem Leadership Excellence Award in Research (LEXA). Damit setzt die Ludwig Boltzmann Gesellschaft einen wichtigen Impuls für gute Führungskultur in der Wissenschaft. Der Award macht seit 2023 vorbildliche Führung sichtbar und trägt dazu bei, Leadership stärker als zentrale Kompetenz im Forschungssystem zu verankern. Besonders stolz sind wir auf die hochkarätig besetzte Jury: unter anderem mit Markus Ebner, der das Thema Positive Leadership maßgeblich prägt, sowie Carsten Schermuly, der für New Work und Empowerment steht.

Die vier bisherigen Jahrgänge an Nominierungen liefern wertvolle Einblicke in gelebte Führungskultur. Auf Basis dieser Daten wollen wir zentrale Führungskompetenzen identifizieren und in einem praxisorientierten Leitfaden aufbereiten – ein Format, das es bisher kaum gibt. Die Ergebnisse sollen später auch in Buchform veröffentlicht werden, um einen Impuls für Führungskräfte zu setzen und die Personal- und Führungskräfteentwicklung an Universitäten zu unterstützen. Dieses Projekt startet nun und wird über das gesamte Jahr hinaus ein besonderes Highlight bleiben.

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