Warum Österreich ein strukturiertes
Lungenkrebs-Früherkennungsprogramm braucht
LBI für Lungengesundheit Lungenkrebs ist in Österreich die häufigste krebsbedingte Todesursache, und das vor allem deshalb, weil er meist zu spät erkannt wird. Das LBI for Lung Health hat 2025 auf Basis der Wiener Gesundheitsstudie LEAD erstmals ein strukturiertes Früherkennungsprogramm gestartet und gezielt 1000 Hochrisikopersonen eingeladen. Institutsleiterin Marie-Kathrin Breyer spricht über Evidenz, Verantwortung und Chancen in der Gesundheitsvorsorge.
Warum braucht Österreich Ihrer Meinung nach ein strukturiertes Lungenkrebs-Früherkennungsprogramm?
Marie-Kathrin Breyer: Internationale Erfahrungen und Daten aus der Wiener Gesundheitsstudie LEAD zeigen klar, dass frühe, präzise Diagnostik Leben retten und gleichzeitig hohe Therapiekosten im Spätstadium vermeiden kann. Lungenkrebs ist in Österreich nach wie vor die tödlichste Krebserkrankung – vor allem, weil er meist zu spät erkannt wird. Rund drei Viertel der Betroffenen werden erst im mittleren oder fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, wenn Heilung oft nicht mehr möglich ist. Daher ist unser Ziel, ein strukturiertes Früherkennungsprogramm einzuführen, das Menschen mit erhöhtem Risiko auffängt, noch bevor Symptome auftreten.
Wie viele Menschen werden jedes Jahr mit Lungenkrebs diagnostiziert und was sagt die Statistik über die Ursachen?
Breyer: Bei Männern ist Lungenkrebs die häufigste, bei Frauen die zweithäufigste Krebsart. Insgesamt ist er mit rund 20 % der Todesfälle die häufigste krebsbedingte Todesursache in Österreich. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt derzeit nur bei etwa 15 bis 20 %. Hauptursache ist nach wie vor das Rauchen, ergänzt durch weitere Risikofaktoren wie höheres Lebensalter, chronische Lungenerkrankungen und familiäre Vorbelastung. Nur etwa 20 % der Erkrankungen werden derzeit früh genug entdeckt, um kurativ behandelt werden zu können.
Wieso passt das Früherkennungsprogramm so gut zur LEAD-Studie und welche Vorteile ergeben sich durch die Integration?
Breyer: Die LEAD-Studie begleitet seit 2012 mehr als 15 000 Menschen und liefert belastbare Langzeitdaten zur Lungengesundheit. Die Teilnehmenden der Wiener Gesundheitsstudie werden stichprobenartig repräsentativ ausgewählt (z. B. nach Alter, Geschlecht, Region) und eingeladen, freiwillig teilzunehmen. Es nehmen also nicht nur Personen mit bekannten Lungenerkrankungen teil, sondern auch gesunde Menschen. So entsteht ein realistisches Bild der (Lungen-)Gesundheit in der Allgemeinbevölkerung. Auf dieser Grundlage lassen sich Risikopersonen gezielt identifizieren. Die Auswahl der Teilnehmenden erfolgt also evidenzbasiert und treffsicher.
Was wurde 2025 angegangen?
Breyer: 2025 wurde mit unserem Projekt erstmals ein konkretes Lungenkrebs-Früherkennungsprogramm in Österreich gestartet. Seit Juni 2025 werden im Rahmen der LEAD-Studie gezielt Hochrisikopersonen eingeladen. Aus jahrzehntelanger Forschung ist erstmals ein praktisch umgesetztes Vorsorgeangebot entstanden. Ein Pilotprojekt, das zeigen soll, wie ein nationales Programm realistisch funktionieren kann.
Was charakterisiert eine Hochrisikoperson?
Breyer: Wir haben LEAD-Studienteilnehmende im Alter von 50 bis 74 Jahren mit einem erhöhten berechneten Lungenkrebsrisiko eingeladen. Die Auswahl erfolgte anhand des international etablierten PLCO-2014-Risikomodells, das Faktoren wie Alter, Rauchverhalten, familiäre Vorbelastung und weitere Gesundheitsmerkmale berücksichtigt. Diese Gruppe profitiert nachweislich am meisten von einer Früherkennung, weil hier die Wahrscheinlichkeit hoch ist, einen Tumor in einem heilbaren Stadium zu entdecken.
Wie läuft die Früherkennung technisch und organisatorisch ab?
Breyer: Kernstück ist eine jährliche Niedrigdosis-Computertomographie (Low-Dose-CT) der Lunge. Die Strahlenbelastung ist dabei deutlich geringer als bei einer herkömmlichen CT. Nach der Einladung definierter Risikopersonen erfolgte die Durchführung der CTs sowie die fachärztliche Auswertung und bei Bedarf rasche Weiterabklärung.
Was bedeutet das Früherkennungsprogramm konkret für Patientinnen und Patienten etwa vom Zeitaufwand?
Breyer: Für die Teilnehmenden ist der Aufwand mit einem Termin pro Jahr für eine kurze Untersuchung, die nur wenige Minuten dauert, überschaubar. Es sind keine invasiven Eingriffe nötig. Im Gegenzug besteht die Chance, Lungenkrebs sehr früh zu entdecken oder auch andere Lungenerkrankungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Für viele bedeutet das nicht nur längeres Überleben, sondern auch deutlich bessere Lebensqualität.
Was erwarten Sie sich von dem Pilotprojekt?
Breyer: Wir haben 2025 gestartet, die vollständige Auswertung steht allerdings noch aus. Wir erwarten jedoch, dass deutlich mehr Tumoren in frühen Stadien entdeckt werden als bisher. Erste Erfahrungen zeigen, dass die Umsetzung praktikabel ist und auf hohe Akzeptanz bei den eingeladenen Personen stößt. Die detaillierten Ergebnisse werden eine Grundlage für gesundheitspolitische Entscheidungen liefern. Eine frühe Diagnose macht den Unterschied zwischen Heilung und rein palliativer Behandlung. Ein strukturiertes Screening rettet nicht nur Leben, sondern senkt langfristig auch Kosten im Gesundheitssystem.
Was muss passieren, damit aus diesem Projekt ein nationales Vorsorgeprogramm wird?
Breyer: Die wissenschaftliche Evidenz und die technische Infrastruktur sind vorhanden. Was es jetzt braucht, ist eine gesundheitspolitische Entscheidung. Dazu gehören klare nationale Rahmenbedingungen, eine Kostenübernahme durch die Sozialversicherung und die enge Vernetzung von Hausärztinnen und Hausärzten, Radiologie und Lungenzentren. Das laufende Programm zeigt, dass eine Umsetzung in Österreich möglich wäre.
Highlights
Posterpreis für klinische Forschung bei der 49. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie in Linz 2025
Unsere Forscher:innen waren auch dieses Jahr auf der ÖGP-Jahrestagung vertreten und präsentierten ihre neuesten Erkenntnisse in spannenden Posterbeiträgen.
Dr. Marie Grasl, eine unserer extern betreuten PhD-Student:innen, hat den 1. Posterpreis für klinische Forschung gewonnen! Wir sind stolz auf unser Team und danken der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie für eine hervorragend organisierte Tagung in Linz.
„European Respiratory Society(ERS)“-Kongress 2025
Ein besonderes Highlight unseres Forschungsjahres war die starke Präsenz unserer Wissenschafter:innen beim „European Respiratory Society(ERS)“-Kongress, dem weltweit bedeutendsten Fachkongress im Bereich der Atemwegs- und Lungenforschung, der dieses Jahr in Amsterdam stattfand. Mit insgesamt 21 angenommenen Abstracts präsentierten unsere Forscher:innen dort die neuesten Ergebnisse aus unseren Projekten und unterstrichen eindrucksvoll die internationale Sichtbarkeit und wissenschaftliche Exzellenz unseres Instituts. Die Beiträge stießen beim internationalen Fachpublikum auf großes Interesse.
Die hohe Zahl an Präsentationen auf diesem renommierten Kongress ist nicht nur ein Beleg für die Qualität und Innovationskraft unserer Forschung, sondern stärkt zugleich unsere Vernetzung mit führenden Expert:innen weltweit.
Im Dezember war Institutsleiterin Marie-Kathrin Breyer gleich in mehreren ORF-Radiosendern zu hören!
Im Gespräch stand ein Thema im Mittelpunkt, das uns besonders am Herzen liegt: die Lungengesundheit bei Kindern. Im Rahmen der Wiener Gesundheitsstudie LEAD, in der seit 2012 über 15 000 Studienteilnehmende zwischen sechs und 80 Jahren immer wieder untersucht werden, wurde die Gruppe der 6- bis 25-Jährigen gezielt analysiert und mit 7,6 Prozent ein alarmierend hoher Anteil an Heranwachsenden gefunden, deren Lungenfunktion bereits unterhalb des Normalbereichs liegt. Frühzeitige Diagnostik kann entscheidend sein, um Atemwegserkrankungen rechtzeitig zu erkennen und langfristige Gesundheit zu fördern.
Wir freuen uns sehr über die große Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema und danken den Sendern für die Berichterstattung!
Ausgewählte Publikationen
Prevalence and Spirometric Transitions of PRISm and Obstruction: A Population-Based Study. Lim, C. J. M., Mraz, T. L., Gross, C., Irvin, C. G., Franssen, F. M. E., Breyer, M. K., Wouters, E. F. M., & Breyer-Kohansal, R
The contribution of depression and anxiety to frailty in men and women: data from a longitudinal population-based cohort study. Azizzadeh, M., Pirker-Kees, A., Baumgartner, C., Wouters, E. F. M., Janssen, D. J. A., Spaetgens, B., Breyer-Kohansal, R., Hartl, S., & Breyer, M. K
Molecular IgE Sensitization Profiling With Micro-Arrayed Allergen Molecules in Adult Patients With Asthma From the LEAD Cohort: A Precision Medicine Approach. Huang, H. J., Breyer-Kohansal, R., Niespodziana, K., Lim, C. J. M., Breyer, M. K., Valenta, R., Hartl, S., & Allergochip Working Group
Incidence of Prediabetes and Diabetes in a European Longitudinal General Population Cohort and Its Associated Factors—Results From the Austrian LEAD Study. Dal Grande, A., Van Herck, M., Breyer-Kohansal, R., Mraz, T., Karimi, A., Azizzadeh, M., Hartl, S., Burghuber, O. C., Wouters, E. F. M., Kautzky-Willer, A., Schiffers, C., & Breyer, M. K
Fractional exhaled nitric oxide in a respiratory healthy general population through the lifespan. Bal, C., Schiffers, C., Breyer, M. K., Hartl, S., Agusti, A., Karimi, A., Pohl, W., Idzko, M., & Breyer-Kohansal, R
Leitung
Prim.a Priv.-Doz.in Dr.in Marie-Kathrin Breyer, PhD
Leiterin
Joining the LBI for Lung Health as a postdoctoral researcher in Biomedical Data Science marked an exciting new chapter in my academic journey as a mathematician. This allowed me to apply rigorous mathematical thinking to complex biomedical and epidemiological data, bridging theory and real-world impact. Working within an interdisciplinary environment not only broadens my scientific perspective but also enables me to contribute to innovative research at the interface of mathematics, data science, machine learning and lung health.