Vom Milieu zum Schmerz: Ionenkanäle und Osteoarthrose

LBI für Arthritis and Rehabilitation

Schmerzhafte Gelenkarthrosen in Knie- und Hüftgelenken, aber auch den Fingern, treten mit zunehmendem Alter häufiger auf und gelten nicht nur in Österreich als Volksleiden. Seit zehn Jahren beleuchtet eine Forschungsprogrammlinie am LBI für Arthritis und Rehabilitation ein systemisches Krankheitsgeschehen auf Ebene der Zellen in ihrem Milieu. Martin Jakab und Lukas Weigl nehmen Ionenkanäle ins Visier, um den Zusammenhang zwischen Knorpelschwund und Schmerzempfinden aufzuklären.

Beatrice Mayer PMU - Arbeit am Patch Clamp Setup: Messung von Ionenströmen an Knorpelzellen, die bei Operation zum Gelenksersatz gewonnen werden.

Ohne das LBI für Arthritis und Rehabilitation als strukturelles und inhaltliches Gravitationszentrum hätten Martin Jakab, Professor am Universitätsinstitut für Physiologie und Pathophysiologie Salzburg der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, und Lukas Weigl, Assistant Professor an der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie der MedUni Wien, in der Forschung vielleicht nie zusammengefunden. Beide erforschen Ionenkanäle, dringen also auf die zelluläre Mikroebene vor, die sich ohne Vergrößerung und Verstärkung nicht erfassen lässt. Ihre fachlichen Ausgangspunkte und Methoden unterscheiden sich stark, ergänzen sich aber bei der Aufklärung grundlegender Fragen zu einem Volksleiden: der Osteoarthrose.

Zu den klassischen Ursachen und Risikofaktoren für einen fortschreitenden Knorpelschwund, begleitet von Entzündungen und Schmerzen bei Alltagsbewegungen, gehören: fortgeschrittenes Alter, Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und das Geschlecht. Das Krankheitsbild betrifft Frauen häufiger als Männer. Unfallbedingt kann sie auch bei jüngeren Menschen auftreten. Osteoarthrose ist aber keine reine Abnutzungserscheinung. Fachleute gehen vielmehr davon aus, dass einer konstanten Belastung die eingeschränkte Regeneration des Knorpels gegenübersteht. Dieses Ungleichgewicht betrifft geschätzt die Hälfte der Bevölkerung ab 60 Jahren.

Für die Betroffenen bedeutet Osteoarthrose Einschränkungen in Alltag und Arbeitsleben, reduzierte Beweglichkeit, erhöhten Unterstützungsbedarf und stete Schmerzen. Das Volksleiden fällt auch gesundheitsökonomisch ins Gewicht. Der operative Austausch von gewichtstragenden Gelenken, der Einsatz von künstlichen Knie- und Hüftgelenken, ist ein Kostentreiber. Entsprechend intensiv wird an der Aufklärung der Regenerationsmechanismen und an daraus resultierenden Behandlungsansätzen geforscht. Lukas Weigl und Martin Jakab haben grundlegende Fragen im Visier. „Osteoarthrose wurde lange auf das Geschehen im Knorpel reduziert. Wir wissen heute und sehen klinisch, dass das gesamte Gelenk betroffen ist. Neben dem Knorpel sind auch der Knochen unter dem Knorpel, die Schleimhäute rundherum, die sich entzünden, das umgebende Fettgewebe und Sehnen involviert“, erklärt Principal Investigator Martin Jakab, spezialisiert auf elektrophysiologische Messungen an Einzelzellen.

Neben der systemischen Perspektive, die noch ungenügend beleuchtet ist, gibt auch der Schmerz noch Rätsel auf: „Mit bildgebenden Verfahren durchleuchten wir in der Klinik die Gelenke und sehen eine große Bandbreite. Es gibt Menschen, deren Gelenke massive morphologische Veränderungen aufweisen, die aber dennoch wenig Schmerzen haben, und andere, deren Bildgebung unauffällig wirkt, die sich aber kaum schmerzfrei bewegen können“, ergänzt Lukas Weigl, der sich mit der Erregbarkeit von Nervenzellen und Schmerzentstehung beschäftigt. Es gilt zu klären, wie im Gehirn überhaupt ein Schmerzempfinden ankommt, da es im Knorpelgewebe gar keine Nervenzellen gibt. In verschiedenen Versuchsreihen wird stückweise entschlüsselt, ob und wie Zellen mit anderen Zelltypen sprechen.

Die Kommunikation und das Überleben in einem stressigen Umfeld manifestiert sich auf Mikroebene an der Zellmembran und über den Transport von Stoffen durch verschiedene Ionenkanäle. Lukas Weigl und Martin Jakab versuchen, das osteoarthritische Milieu im Labor bestmöglich zu simulieren. „Um in krankhaft veränderter Umgebung mit niedrigem pH-Wert funktionstüchtig zu bleiben, muss jede Knorpelzelle verhindern, dass sie anschwillt. Dazu kurbelt sie Ionentransportprozesse über schwellungs- und säureaktivierte Chloridkanäle an“, sagt Martin Jakab. Unter dem Mikroskop wird mit hauchfeinen Elektroden („Patch Clamp“) die Aktivität als Ionenstrom gemessen – auch an Zell-Linien, deren Chloridkanäle mit der Genschere CRISPR/Cas9 entfernt wurden. Parallel zur Elektrophysiologie wird in Salzburg auch gemessen, wie vital die gestressten Knorpelzellen sind und wie sich der Stress auf die intrazelluläre Calcium-Konzentration auswirkt.

Es ist anzunehmen, dass die Knorpelzellen in dem entzündlichen Geschehen Stresssignale aussenden, die Schmerzrezeptoren aktivieren und das Hirn alarmieren können. An der MedUni Wien untersucht Lukas Weigl, wie sich die Bandbreite des Schmerzempfindens bei Patient:innen erklären ließe. Die Frage ist, ob erkrankte Knorpelzellen vielleicht Nervenfasern anlocken, die dann in das Gelenk aussprossen, Schmerzsignale auffangen und weiterleiten können. Oder ob periphere Nervenzellen durch die Milieuveränderung in den Gelenken sensibilisiert werden, messbar anhand der Dichte und Zusammensetzung verschiedener Natriumkanäle in der Membran. Ziel ist, sich unter Kulturbedingungen den echten Verhältnissen der Erkrankung bestmöglich zu nähern. Gearbeitet wird – die Zustimmung der Patient:innen stets vorausgesetzt – mit Zellmaterial, das bei Operationen zum Gelenkersatz anfällt.

Weltweit arbeiten etliche Forschungsgruppen an Ionenkanälen, Schmerzrezeptoren und Entzündungsreaktionen. Aber die Kombination dezentraler Expertise und Methodik im LBI für Arthritis und Rehabilitation, der lange Atem in der Forschungsfinanzierung sowie die Zusammenschau der Ergebnisse im Kontext der Knorpelschädigung sind einzigartig. Auch die Kollegen in Salzburg und Wien sind eingestimmt auf einen Langstreckenlauf mit unbekannter Distanz, aber einem klaren Ziel. Sie spannen den Bogen von erkrankten Personen über die Epidemiologie bis auf die zelluläre Ebene und wieder zurück, von der Zelle ins Gelenk, um etwas zu finden, das in der Behandlung eines Volksleidens nützlich werden könnte.

Highlights

Michael Bonelli übernimmt Professur für Experimentelle Rheumatologie

Michael Bonelli hat mit Anfang August eine Professur für Experimentelle Rheumatologie angetreten. Er forscht an innovativen Immuntherapien, um die Translation von Grundlagenforschung in die klinische Praxis voranzutreiben.

Der Preisträger des LExA Awards „Emerging Leader“ 2025 gemeinsam mit Bundeministerin Holzleitner und LBG-Präsidentin Smolle-Jüttner.

Leadership Excellence Award in Research für Mario Rothbauer

Seit 2023 werden mit dem LExA Führungspersönlichkeiten ausgezeichnet, die auf herausragende Art und Weise ihre Führungsrolle wahrnehmen und dadurch wesentliche Beiträge zur Wissenschaft leisten. Bundesministerin Eva‑Maria Holzleitner überreichte die diesjährige Auszeichnung in der Kategorie „Emerging Leaders“ an Mario Rothbauer.

v.l.n.r.: PD Dr. Benjamin Frey, Mag. Julia Fuchs, PD Dr. Antje van der Zee-Neuen, Dr. Monika Mustak-Blagusz, MBA, PD Dr. Bibiane Steinecker-Frohnwieser, Prim. Dr. Christian Wiederer, Prim. Dr. Martin Pelitz, Norbert Ellmauer, Dr. Sonja Wildburger

Meet the Expert beim Symposium in Bad Hofgastein am 28. März

Im Gasteinertal spielt die stationäre Therapie und Rehabilitation unterschiedlicher Erkrankungen, vor allem den Bewegungs- und Stützapparat betreffend, unter Einbeziehung der natürlich vorkommenden Heilmittel, eine große Rolle. Deshalb lud das Forschungsinstitut Gastein (FOI) gemeinsam mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Arthritis und Rehabilitation (LBIAR) am 28. März 2025 zum Symposium nach Bad Hofgastein ein.

10th Anniversary: LBIAR und Outcomes Research an der Medizinischen Universität Wien – Symposium im Josephinum

Seit dem Jahr 2015 verfolgen beide Institute mit großem Engagement das gemeinsame Ziel, patientenzentrierte Forschung voranzutreiben, evidenzbasierte Praxis zu stärken und Innovationen im Gesundheitswesen nachhaltig zu fördern. Im Dezember 2025 kamen wir gemeinsam mit renommierten Expertinnen und Experten, geschätzten Kolleginnen und Kollegen sowie langjährigen Partnern und Wegbegleitern zusammen, um auf unsere bisherigen Erfolge zurückzublicken. Die Veranstaltung bot zugleich Raum für intensiven wissenschaftlichen Austausch sowie für zukunftsorientierte Diskussionen, die wertvolle Impulse für die weitere Zusammenarbeit setzten.

EULAR-Abstract bei Pressekonferenz in Barcelona

Beim EULAR-Kongress 2025 in Barcelona wurde das Abstract „Health services usage in the Austrian osteoarthritis registry show a high level of non-evidence-based therapies“ (Schmolik et al.) im Rahmen eines Press Releases hervorgehoben. Die Daten aus dem österreichischen BLOAR-Register zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen klinischer Praxis und EULAR-Empfehlungen, insbesondere bei Gewichtsmanagement und Ernährung. Gleichzeitig werden häufig nicht empfohlene Maßnahmen wie Vitamin- und pflanzliche Präparate eingesetzt. Die Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an konsequenterer Umsetzung evidenzbasierter Therapieansätze.

Ausgewählte Publikationen

Cannabidiol Is a Potential Inhibitor of Ferroptosis in Human Articular Chondrocytes. A. Wipplinger, D. Bekric, C. Ablinger, M. Kittl, C. Mayr, M. Ritter, M. Winklmayr, M. Jakab

J Cell Mol Med 29 (2025) e70592

The incidence of rheumatoid arthritis in Austria – a prospective population-based cohort study in a federal province. Rudolf J. Puchner, Judith Sautner, Valentin Ritschl, Herwig Pieringer, Alois Alkin, Lorenz Balcar, Yvonne Rammer, Sabine Schumacher, Tanja Stamm

RMD Open, accepted 09.02.2025

Patient-reported outcomes: a new basis for prediction models?. Tanja Stamm, Preston Long, Valentin Ritschl, Erika Mosor, Peter Mandl

The Lancet Rheumatology, Volume 7, Issue 7, e455 - e457

“Towards stratification in osteoarthritis: a review of the scientific terminology used in published basic research. Pattappa G., Karlsson N.G., Steinecker-Frohnwieser B., Mobasheri A., Bernotiene E., Zaucke F., Roesch G., Uzieliene I., Meulenbelt I., Lourdes Rios J., Kazakova M., Boutet M.A., Dvir-Ginzberg M., Groma V., Jenei-Lanzl Z., Henrotin Y., Li Z., Nürnberger S., Aulin C

BMC Rheumatology 9,109 (2025)

Leitung

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Univ.-Prof. Dr. Tanja Stamm, PhD

Leiterin

Priv. Doz. Mag. Dr. Bibiane Steinecker-Frohnwieser

Stv. Leiterin

Osteoarthrose zählt zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. An die Stelle des früheren Verständnisses als reine Verschleißerkrankung tritt zunehmend ein modernes Krankheitskonzept, das Osteoarthrose als komplexe, multifaktorielle Erkrankung begreift. Schmerz ist ein zentraler Treiber der individuellen Krankheitslast und der gesellschaftlichen Folgekosten. Die Erforschung molekularer Mechanismen, insbesondere von Ionenkanälen, eröffnet hierbei neue Perspektiven für ein vertieftes Verständnis der Krankheitsprozesse und für zukünftige therapeutische Ansätze.

Stellvertretende LeiterinPD Mag. Dr. Bibiane Steinecker-Frohnwieser

Partner

Medizinische Universität Graz (AT)
Medizinische Universität Wien (AT)
Österreichische Gesundheitskasse Niederösterreich (AT)
Karl-Franzens-Universität Graz (AT)
Paracelsus Medizinische Universität Salzburg (AT)
Pensionsversicherungsanstalt (AT)
Stand: Mai 2024

Wissenschaftlicher Beirat

Professor Ingvild KjekenProfessor in Occupational Therapy, Norwegian National Advisory Unit on Rehabilitation in Rheumatology (NKRR), REMEDY – Center for treatment of Rheumatic and Musculoskeletal Diseases, Diakonhjemmet Hospital, Norway
Doctor Pascal de Jongassociate Professor, Rheumatologist, Department of Rheumatology, EULAR Centre of Excellence in Rheumatology, Erasmus University, Rotterdam, The Netherlands
Professor Udo OppermannDirector of Melecular Laboratory Sciences, Botnar Research Centre and Deputy Director Oxford Centre of Translational Myeloma Reserch, University of Oxford, Medical Sciences Division, UK
Stand: Mai 2025