Telemedizin im Praxistest: Wie digitale
Versorgung neue Wege in sensiblen Settings eröffnet
LBI Digital Health and Patient SafetyTelemedizin gilt als Schlüsseltechnologie der modernen Gesundheitsversorgung. Die erfolgreiche Umsetzung ist jedoch komplex. Am LBI Digital Health and Patient Safety wird daher untersucht, wie digitale Lösungen in unterschiedlichen Versorgungskontexten tatsächlich aussehen könnten. Projekte in Justizanstalten und Pflegeheimen zeigen, dass es mehr maßgeschneiderte Ansätze braucht, um Zugänglichkeit und Effizienz zu verbessern. Die Erkenntnisse liefern wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems.
Die Digitalisierung verändert das Gesundheitswesen grundlegend. Damit verändert sich auch die Art und Weise, wie medizinische Leistungen erbracht werden. Telemedizin, also die gesundheitliche Betreuung über räumliche Distanz hinweg mithilfe digitaler Technologien, gilt dabei als ein zentrales Zukunftsfeld. Doch trotz zahlreicher technischer Möglichkeiten ist sie noch längst nicht flächendeckend in der Versorgung etabliert. Am LBI Digital Health and Patient Safety (LBI DHPS) stand deshalb wiederholt die Frage im Mittelpunkt, wie Telemedizin in unterschiedlichen Versorgungsrealitäten sinnvoll implementiert werden kann.
„Telemedizin ist nicht gleich Telemedizin“, betont Institutsleiterin Maria Kletecka-Pulker. „Jede medizinische Disziplin, jedes Setting und jede Patient:innengruppe bringt eigene Anforderungen mit sich.“ Da Standardlösungen oft zu kurz greifen, seien eine sorgfältige Planung, begleitende Forschung und kontinuierliche Evaluierung nötig. Darüber hinaus hat sich die digitale Debatte im Gesundheitswesen im letzten Jahr mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz rasant weiterentwickelt und die Telemedizin thematisch teilweise überholt. „Während KI oft als besonders dynamisches Innovationsfeld wahrgenommen wird, ist die Telemedizin trotz ihrer langen Präsenz noch immer nicht flächendeckend in der Routineversorgung angekommen“, stellt Kletecka-Pulker fest. Gerade deshalb bleibt deren systematische Erforschung aber auch von zentraler Bedeutung.
Der Fokus des LBI DHPS lag dabei auf der Anwendung telemedizinischer Lösungen in sensiblen und bislang wenig erforschten Bereichen. Dazu zählt etwa die medizinische Versorgung in österreichischen Justizanstalten. Hier gilt das sogenannte Äquivalenzprinzip: Inhaftierte Personen haben Anspruch auf eine medizinische Betreuung, die jener außerhalb der Haft vollumfänglich entspricht. In der Praxis ist dies jedoch meist nur schwer umzusetzen. Hauptgründe dafür sind die Prävalenz bestimmter Erkrankungen in der Haft sowie die systemischen Vorgaben von Justizanstalten, die mit einem zunehmenden Personalmangel korrelieren.
Vor diesem Hintergrund wurde vom Justizministerium ein telemedizinischer allgemeinmedizinischer Dienst eingeführt, der die bestehende ärztliche Versorgung vor Ort ergänzt. Das LBI DHPS begleitete diese Einführung wissenschaftlich und führte dazu qualitative Interviews in allen 28 Justizanstalten Österreichs durch. Damit wurden die Erfahrungen von Gesundheitspersonal, Telemediziner:innen und inhaftierten Personen systematisch erfasst, um Versorgungslücken zu schließen. Als besonders wesentlich kristallisierte sich in diesem Kontext die Problematik sprachlicher Barrieren heraus, denen man mittlerweile bereits mit digitalisierten Dolmetsch-Angeboten entgegenwirkt.
Der Fokus des LBI DHPS lag dabei auf der Anwendung telemedizinischer Lösungen in sensiblen und bislang wenig erforschten Bereichen. Dazu zählt etwa die medizinische Versorgung in österreichischen Justizanstalten. Hier gilt das sogenannte Äquivalenzprinzip: Inhaftierte Personen haben Anspruch auf eine medizinische Betreuung, die jener außerhalb der Haft vollumfänglich entspricht. In der Praxis ist dies jedoch meist nur schwer umzusetzen. Hauptgründe dafür sind die Prävalenz bestimmter Erkrankungen in der Haft sowie die systemischen Vorgaben von Justizanstalten, die mit einem zunehmenden Personalmangel korrelieren.
Vor diesem Hintergrund wurde vom Justizministerium ein telemedizinischer allgemeinmedizinischer Dienst eingeführt, der die bestehende ärztliche Versorgung vor Ort ergänzt. Das LBI DHPS begleitete diese Einführung wissenschaftlich und führte dazu qualitative Interviews in allen 28 Justizanstalten Österreichs durch. Damit wurden die Erfahrungen von Gesundheitspersonal, Telemediziner:innen und inhaftierten Personen systematisch erfasst, um Versorgungslücken zu schließen. Als besonders wesentlich kristallisierte sich in diesem Kontext die Problematik sprachlicher Barrieren heraus, denen man mittlerweile bereits mit digitalisierten Dolmetsch-Angeboten entgegenwirkt.
Ein zweites zentrales Projekt widmete sich der psychiatrischen Versorgung in Pflegeheimen. Gerade in diesem Bereich besteht erheblicher Bedarf. Immerhin leidet mehr als die Hälfte der Bewohner:innen in den untersuchten Einrichtungen an psychischen Erkrankungen oder Demenz, während gleichzeitig nur begrenzte ärztliche Ressourcen zur Verfügung stehen. „Telepsychiatrische Angebote bieten hier die Möglichkeit, fachärztliche Expertise schneller und flexibler verfügbar zu machen“, erklärt Kletecka-Pulker.
Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden daher regelmäßige Televisiten etabliert, ergänzt durch digitale Tools für Kommunikation und Dokumentation. Das Pflegepersonal kann so bei Bedarf rasch psychiatrische Einschätzungen einholen, ohne auf seltene Vor-Ort-Termine warten zu müssen. Das verbessert nicht nur die Versorgungsqualität, sondern entlastet auch das Personal und reduziert vermeidbare Krankenhausaufenthalte. „Bei diesem Pilotprojekt spielte für uns auch die Kooperation mit der Caritas als Praxispartner eine wesentliche Rolle“, betont Kletecka-Pulker. „Forschungsprojekte, die Pflegeeinrichtungen so umfassend einbinden, sind selten. Umso bedeutender war diese Zusammenarbeit, da sie eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Forschung und praktischer Versorgung schlägt. Gleichzeitig stellte sie hohe Anforderungen an den Forschungsprozess, da Studienaktivitäten in einem ohnehin stark ausgelasteten Pflegealltag stattfinden mussten. Dass sich die Caritas dennoch aktiv beteiligt hat, war wegweisend.“
Telemedizin entfaltet also besonders dort ihr Potenzial, wo strukturelle Defizite bestehen (etwa aufgrund von Personalmangel, räumlicher Distanz oder eingeschränktem Zugang zu spezialisierter Versorgung). Allerdings reicht technologische Innovation allein nicht aus. Entscheidend sind unter anderem auch weiterführende Faktoren wie Akzeptanz, Schulung, organisatorische Einbettung und die Verfügbarkeit geeigneter Schnittstellen zwischen bestehenden Systemen. Gerade Letzteres ist laut Kletecka-Pulker aktuell noch ein nicht zu unterschätzendes Hindernis: „Die mangelnde Vernetzung von Gesundheitsdaten gilt als großer Stolperstein. Derzeit existieren vielfach parallele Dokumentationssysteme (bei Rettungsdiensten, Krankenhäusern oder Pflegeheimen), die nur unzureichend miteinander kommunizieren. Für eine sichere und durchgängige Versorgung bräuchte es in Zukunft aber einheitliche Schnittstellen und besser verknüpfte Systeme.“
Die häufig geäußerte Sorge vor Datenmissbrauch relativiert sich bei genauerer Betrachtung: Medizinisches Personal benötigt nun einmal Zugriff auf Gesundheitsdaten, um gezielt behandeln zu können. Digitale Systeme bieten zudem die Möglichkeit, Zugriffe transparent nachzuvollziehen. Herausforderungen bestehen eher im Bereich der Datensicherheit und der digitalen Souveränität. „Es ist an der Zeit, dass Europa sich intensiv darum kümmert, die digitale Gesundheitsversorgung in die eigene Hand zu nehmen“, schließt Kletecka-Pulker.
Highlights
Unser Institut beim Global Mental Health Congress in Toronto
Der Digital Mental Health Global Congress ist eine der weltweit größten Konferenzen, die sich exklusiv dem Thema der digitalen psychischen Gesundheit widmen – mit beeindruckenden 736 Teilnehmer:innen aus 46 Ländern und allen 7 Kontinenten (inklusive der Antarktis!). Unter den Gästen waren außerdem Vertreter:innen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Vereinten Nationen (UNO) und von UNICEF. Dieses Jahr fand die Konferenz von 19. bis 21. November 2025 in Toronto statt, und das LBI DHPS durfte mit einer Präsentation von Elisabeth Steindl zum Erfolg und zur Vielfalt dieser außergewöhnlichen Veranstaltung beitragen.
Unser Institut in Vietnam bei der „InnovaConnect“ und an der „CTUMP“
Auf Einladung von Dr. Thao Ti Do (Vize-Dekanin der Fakultät für Odonto-Stomatologie an der Can Tho University of Medicine and Pharmacy/CTUMP) und der VinFuture Foundation besuchten unsere Forschungsgruppe (Maria Kletecka-Pulker und Gernot Gerger) sowie Frau Dr. Katharina Schmidt von der Danube Private University Krems die CTUMP in Can Tho, Vietnam, um an der Konferenz InnovaConnect vom 21. bis 25. Oktober 2025 teilzunehmen.
AI Health Vienna 2025: Revolutionäre Gesundheitslösungen durch künstliche Intelligenz
Die dritte Ausgabe der multidisziplinären Tagungsreihe war 2025 wieder ein sehr erfolgreiches Event unseres Instituts, das den vielen Teilnehmer:innen eine Plattform für bahnbrechende Diskussionen über den Einsatz von Artificial Intelligence (AI) im Gesundheitswesen bot. Führende Expert:innen aus Recht, Ethik, Biologie, Machine Learning und Medizin präsentierten innovative Lösungen und beleuchteten die Herausforderungen, die sich aus der Integration von AI in die klinische Praxis ergeben.
Organisiert in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien und weiteren Partnern, bot die Tagung Raum für interaktive Diskussionen und Networking. Sie unterstrich einmal mehr die Führungsrolle des LBI DHPS im Bereich der digitalen Gesundheit und Patient:innensicherheit und setzte neue Maßstäbe für die Zukunft der Gesundheitsversorgung.
Ausgewählte Publikationen
Patientensicherheit und AI: EU AI Act als Grundbaustein der Digitalmedizin. Kimberger, O., Steindl, E
Klinische Ethikberatung: Ethik geht uns alle an!. Masel, E.K., Faihs, L., Pleschberger, S. et al
New Persistent Opioid Use After Surgery. Bologheanu R, Bilir A, Kapral L, Gruber F, Kimberger O
Working experiences of remote interpreters in health care settings—insights from Austria and Germany. Klomfar S, Teufel A, Gerger G, Kletečka-Pulker M, Doppler K, Eitenberger M and Völkl-Kernstock S
Leitung
Univ.-Prof. Dr. Harald Willschke
Wissenschaftliche Co-Leitung
Dr. Maria Kletečka-Pulker
Wissenschaftliche Co-Leitung
Elisabeth Klager, MSc
Administrative Leiterin
2025 konnten wir wieder sehr spannende Forschungsprojekte durchführen im Bereich Etablierung von digitalen Tools. Eine digitale Lösung wird nur dann gut angenommen, wenn die involvierten Personen – PatientInnen und auch die Gesundheitsberufe – frühzeitig eingebunden werden.
Besonders wichtig war uns 2025 der nationale und internationale Austausch mit verschiedenen Wissenschaftlern, um von Ihnen zu lernen und Erfahrungen auszutauschen. Nicht zuletzt haben wir diese Möglichkeit der internationalen Vernetzung auch genutzt, um unsere Forschungsergebnisse zu präsentieren und auf unsere Forschungsleistung aufmerksam zu machen.