Erinnerung neu erschließen: Wie künstliche
Intelligenz Holocaust-Interviews zugänglich macht

LBI for Digital History

Insgesamt 860 Interviews mit Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen liegen in 18 Sprachen vor. Diese wurden vor über 20 Jahren aufgenommen, sind bislang aber nur teilweise erforscht. Ein Projekt des LBI for Digital History entwickelt nun neue Wege, diese einzigartigen Quellen mithilfe von künstlicher Intelligenz zugänglich zu machen. Automatisierte Transkription, Übersetzung und Analyse sollen Sprachbarrieren überwinden und die kulturgeschichtliche Forschungslandschaft grundlegend verändern. Damit eröffnet sich ein neuer Zugang zur Geschichte, der vom anekdotischen zum datenbasierten Ansatz übergeht.

Ausschnitt aus videographierten Interviews der Online-Videoausstellung „Zeitzeug*innen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen |Mauthausen Memorial: Interview mit Gabor Ban (ungarisch), Budapest, 6.5.2002, 12:00-15:08 min. Die vollständigen Videos sind abrufbar unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Zeitzeuginnen

Die Erinnerungen von Überlebenden des Nationalsozialismus gehören zu den wichtigsten Quellen der Zeitgeschichte. Doch gerade im Bereich der sogenannten Oral History stoßen Forschende seit jeher an ihre Grenzen, vor allem dann, wenn große Mengen an Interviews in vielen unterschiedlichen Sprachen vorliegen. Das Projekt „Mauthausen Survivor Interviews: Fortunoff Archive“ des LBI for Digital History (LBI DH) setzt genau hier an: Die Forschenden arbeiten an neuen digitalen Methoden, um diese komplexen Quellen umfassend zugänglich zu machen.

Im Zentrum stehen 860 Audio- und Video-Interviews mit Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner mehr als 40 Außenlager. Sie wurden Anfang der 2000er-Jahre im Rahmen des „Mauthausen Survivors Documentation Project“ weltweit aufgenommen und umfassen eine Gesamtdauer von mehr als 2500 Stunden. Die Interviews wurden in insgesamt 18 Sprachen geführt (darunter Russisch, Ukrainisch, Hebräisch, Niederländisch, Polnisch, Norwegisch, Spanisch, Katalanisch, Englisch und Deutsch), mitunter auch in Dialekt- und Mischformen. Diese sprachliche Vielfalt gilt einerseits als großer Reichtum, stellt die Forschung aber gleichzeitig vor erhebliche Herausforderungen.

Bislang konnten nur Teile dieses umfangreichen Materials systematisch ausgewertet werden, das Gros des Bestandes war sogar nur in Ausschnitten bekannt. Der Grund dafür: „Für viele Sprachen fehlen schlicht die entsprechenden Expert:innen“, erklärt Projektleiter Alexander Prenninger. „Zudem ist die manuelle Transkription und Übersetzung sehr zeit- und kostenintensiv.“ Genau hier setzt das aktuelle Vorhaben mit einem methodischen Paradigmenwechsel an. Anstatt nämlich gemäß dem anekdotischen Zugang einzelne Interviews auszuwählen und inhaltlich auszuwerten, wird nun erstmals der gesamte Bestand mithilfe automatisierter Verfahren zugänglich gemacht. Dabei werden KI-gestützte Technologien zur Transkription, Übersetzung und inhaltlichen Analyse eingesetzt.

Ausschnitt aus videographierten Interviews der Online-Videoausstellung „Zeitzeug*innen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen |Mauthausen Memorial: Interview mit Eva Lukash (hebräisch), Beit Izhak, 10.1.2003, 23:05-26:39 min. Die vollständigen Videos sind abrufbar unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Zeitzeuginnen

Das Jahr 2025 stand im Zeichen intensiver Vorbereitungsarbeiten. Neben technischen und methodischen Fragen ging es vor allem darum, starke internationale Partnerschaften aufzubauen. Zu den zentralen Kooperationspartnern zählen mittlerweile das an der Yale University angesiedelte Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, die Beinecke Library der Yale University sowie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. In Kooperation mit dem LBI DH schaffen sie die infrastrukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen, um das Projekt ab 2026 in die Umsetzungsphase zu überführen.

Als zentrales Werkzeug im Projekt fungiert die Plattform Aviary, die speziell für die Arbeit mit audiovisuellen Archiven entwickelt wurde. Sie ermöglicht es, automatische Transkriptionen und Übersetzungen zu generieren und direkt mit den entsprechenden Video- oder Audiosequenzen zu verknüpfen. Forschende können so Texte im unmittelbaren Kontext bearbeiten und analysieren. Die Plattform bietet sowohl eine Arbeitsumgebung für Expert:innen im Backend als auch eine Schnittstelle für eine mögliche öffentliche Nutzung im Frontend.

Ausschnitt aus videographierten Interviews der Online-Videoausstellung „Zeitzeug*innen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen |Mauthausen Memorial: Interview mit Leon Ceglarz (polnisch), Błonie, 12.1.2003, 8:59-11:53 min. Die vollständigen Videos sind abrufbar unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Zeitzeuginnen

Die automatisierte Textarbeit zielt auf die Überwindung bestehender Hürden ab. Unterschiedliche Sprachen, Dialekte, Eigennamen von Personen und Orten sowie akustisch beeinträchtigte Aufnahmen beeinflussen häufig die Qualität der Ergebnisse. „Dank des rasanten Fortschritts der Technologie in den letzten Jahren können wir hier aber ganz neu ansetzen“, stellt Institutsleiter Ingo Zechner fest. „Allerdings ist es für uns nicht unbedingt primär entscheidend, Fehler in der Anwendung der Technologie auf die Datensätze zu vermeiden. Unser Anliegen ist es, systematisch zu verstehen, welche Fehler auftreten, warum sie auftreten, wie sie sich auf die Analyse auswirken und wie wir sie zukünftig umgehen können.“

Das Projekt versteht sich daher nicht nur als reines Forschungs-, sondern durchaus auch als Erschließungsvorhaben im Sinne eines Best-Practice-Modells für große Datenbestände und mehrsprachige Interviewarchive. Es geht darum, geeignete Workflows von der Strukturierung der Daten über die Transkription und Übersetzung bis hin zur inhaltlichen Auswertung zu entwickeln. Erst wenn diese Grundlagen geschaffen sind, können weiterführende Analysen erfolgen, etwa mithilfe von sogenannten Topic-Modelling-Verfahren. „Diese Verfahren helfen uns in einem zweiten Schritt dabei, thematische Schwerpunkte in den Interviews zu identifizieren – sei es zum Thema Evakuierung, Krankheit oder Gewalt – und diese über Sprachgrenzen hinweg vergleichbar zu machen“, ergänzt Prenninger.

Ausschnitt aus videographierten Interviews der Online-Videoausstellung „Zeitzeug*innen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen |Mauthausen Memorial: Interview mit Maria Catharina Van Bueren Schalker (niederländisch), Den Haag, 20.6.2002, 13:50-16:10 min. Die vollständigen Videos sind abrufbar unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Zeitzeuginnen

Mit dieser umfassenden Auswertung großer Quellenbestände ergibt sich mitunter ein völlig neuer Zugang zur historischen Forschung. „Wir sprechen hier von einem wahren Paradigmenwechsel“, betont Zechner. „Die neuartige Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden auf der einen Seite sowie datengetriebener Evidenz auf der anderen hat das Potenzial, die Geschichtswissenschaft nachhaltig zu verändern.“

Über die unmittelbare Forschung hinaus hat das Projekt aber auch eine gesellschaftliche Dimension. Die Digitalisierung und das Zugänglichmachen von Originalquellen tragen dazu bei, verlässliche Informationen bereitzustellen. Dieser Anspruch wird gerade in Zeiten immer wichtiger, in denen sich manipulierte oder gefälschte Inhalte zunehmender Verbreitung erfreuen. „Archive übernehmen damit eine wichtige Rolle als Referenzpunkte für historisch gesicherte Fakten“, betont Zechner.

 

* Die oben verlinkten Videos sind Ausschnitte aus videographierten Interviews der Online-Videoausstellung „Zeitzeug*innen“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen |Mauthausen Memorial. Die vollständigen Videos sind abrufbar unter: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Zeitzeuginnen

Highlights

„Gewaltbilder im Fokus: Wie umgehen mit visuellen Quellen der NS-Verbrechen?“ Tagung, 06.–07.04.2025, Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin

Sollen Bilder extremer Gewalt gezeigt werden und wenn ja, wie? Diese Frage, die mit Kriegsbildern aus der Ukraine und Gaza und mit dem live gestreamten Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 an Aktualität gewonnen hat, war Ausgangspunkt der zweitägigen Veranstaltung, in deren Mittelpunkt die Fotografien und Filmaufnahmen von NS-Verbrechen standen. Die vom Haus der Wannsee-Konferenz gemeinsam mit der Hebrew University of Jerusalem und dem LBIDH in Berlin veranstaltete Tagung richtete sich primär an Kurator:innen und Vermittler:innen in Gedenkstätten und Museen.

BTWH-Konferenz 2025 | Wien: „Exploitation of Resources – Environment, Labor, Energy“, 19.–22.06.2025, IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien

Wo die Grenze zwischen der Nutzung und der Ausbeutung von Ressourcen verläuft und wie sie sich in Texten und Filmen aus dem letzten Drittel des 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts festmachen lässt, war das Thema der Jahrestagung des internationalen Forschungsnetzwerks BTWH (Berkeley/Tübingen/Wien/Harvard). Organisator und Gastgeber war diesmal das LBIDH in Wien.

European Memory Data Space (EMDS) – Blueprint, Kickoff-Serie, 05.–06.06.2025, National Holocaust Museum, Amsterdam

EMDS ist eine von der EU-Kommission geförderte Initiative mit dem Ziel, eine gemeinsame digitale Infrastruktur für Daten zum Holocaust zu schaffen. In der zum Start des Projekts veranstalteten zweitägigen Kickoff-Serie in Amsterdam war das LBIDH mit zwei Vorträgen und in zwei Roundtable-Diskussionen vertreten. Durch audiovisuelle Medien vermittelte Erinnerungen und die speziellen Anforderungen audiovisueller Datenmodelle waren Gegenstand der LBIDH-Inputs.

CdH-Tagung 2025 | Wien: „Raum, Bewegung und Erinnerung: Topographien der Verfolgung in der Cinematographie des Holocaust“, 07.–08.12.2025, Österreichisches Filmmuseum, Wien

Die Jahrestagung der Arbeitsgruppe der Cinematographie des Holocaust (CdH) fand diesmal in Wien statt, mit dem LBIDH als Gastgeber und Co-Organisator. Im Fokus der Tagung stand eine jüngere Entwicklung in der filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die sich verstärkt Fragen von Vertreibung, Migration und der Zeit nach dem Holocaust widmet und dabei räumliche wie bewegungsbezogene Erzähldimensionen ins Zentrum rückt. Dieser Schwerpunkt fand sich auch im öffentlich zugänglichen begleitenden Filmprogramm wieder.

Ausgewählte Publikationen

"Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe." Das Leben des Satirikers Karl Kraus. Katharina Prager

Wien: Sonderzahl, 2025, 176 Seiten, Deutsch. ISBN 978-3-85449-692-2

Die Akten der Rechtsanwälte von Karl Kraus in der "Fackel" (= Literaturgeschichte in Studien und Quellen - Band 40). Johannes Knüchel

Wien: Böhlau 2025, 288 Seiten, Deutsch. ISBN: 978-3-205-22347-4

The Tale of the Kapos. A Secondary Analysis of Interviews with Nazi Concentration Camp Survivors, in: Mark Cave und Selma Leydesdorff (Hg.): Handbook of Global Oral History (= Handbooks of Literary and Cultural Studies, 3). Alexander Prenninger

Leiden: Brill, 2025, S. 260–286, Englisch

A Travelling Archive: Tracing Soviet Liberation Footage. Fabian Schmidt und Tobias Ebbrecht-Hartmann

Research in Film and History 6, 2025, S. 1-29, Englisch

Leitung

Mag. Dr. Ingo Zechner

Leiter

Das LBIDH vereint kollaboratives Arbeiten und interdisziplinäre Expertise auf eine Weise, die meine Forschung vielfach bereichert hat: inhaltlich im Austausch über Fächergrenzen hinweg, methodisch in der Verknüpfung von Geschichtsschreibung und Digitalität. Dabei werden digitale Tools als integral für die eigene Forschung vom Projektentwurf an mitgedacht und so historiografisch nachhaltig produktiv gemacht.

Senior ResearcherTheresa Eisele

Partner

Technische Universität Wien (AT)
Österreichisches Filmmuseum (AT)
Universität Bremen (DE)
Stand: Dezember 2025

Wissenschaftlicher Beirat

Prof. Dr. Giovanna FossatiUtrecht University (NL)
Michael Haley GoldmanNew Hampshire Humanities (US)
Prof. Dr. Andreas MaierFriedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (DE)
Stand: Mai 2026