Sichtbarkeit und Vernetzung
durch Liaison mit der Kunst
LBI for Network Medicine at the University of ViennaZu Wirkungen und Nebenwirkungen einer Schau an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft im Rahmen der Vienna Art Week 2025 befragen wir Jörg Menche, wissenschaftlicher Direktor des LBI für Netzwerkmedizin, und Annette Tesarek, eine der Kurator:innen: Wie „X Frames per Space – different logics, shared questions“ den Rahmen einer institutseigenen Outreach-Maßnahme sprengte und sich zum Teambuilding-, Reflexionsbooster- und Netzwerkdünger-Event auswuchs.
1200 Quadratmeter Fläche umfasst die ehemalige Bibliothek der alten Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Geplant war eine Ausstellung an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, in Einklang mit der Mission des jungen Forschungsinstituts, gedacht als würdiger Abschied von jenem Gebäude, dessen Räume ab Juli 2024 genutzt worden waren. Im Rahmen der Zwischennutzung hatten sich von 2015 bis 2025 etliche kreative und akademische Initiativen, Ateliers und Communitys an der ehemaligen Hochschule angesiedelt.
Mitten in den Planungen durch das LBI für Netzwerkmedizin (LBI-NetMed) erwies sich eine zunächst irritierende zeitgleiche Buchung der Ausstellungsfläche durch den Vienna Contemporary Art Space alsbald als glückliche Fügung. Aufgrund der großen inhaltlichen Nähe entschieden sich das Institut und der Verein für eine gemeinsame Bespielung der Räumlichkeiten und schufen neue Synergien zwischen den jeweiligen künstlerischen und wissenschaftlichen Positionen. Mit an Bord war auch das Open Innovation in Science (OIS) Center der LBG-Geschäftsstelle mit der vom PAIN COLLECTIVE gemeinsam entwickelten „Personal-Planetary-Pain (PPP) Map“. Das Projekt wurde auf der Ars Electronica 2025 im Rahmen der Impact Initiative „Transforming Medicine through AI and Art“ von OIS Center und LBI-NetMed entwickelt. Ein gemeinsames Follow-up für die Ars Electronica 2026 hat bereits begonnen.
Ein gemeinsames Konzept, ein gemeinsamer Kraftakt
Die Idee einer Trennlinie wurde rasch verworfen, stattdessen wurden Konzept und Ausstellungstitel gemeinsam entwickelt. Annette Tesarek, selbst Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin, erkannte das Potenzial der ehemaligen Bibliotheksräume, „um unsere wissenschaftlichen Resultate zu visualisieren und VR-Projekte zu zeigen“. Die Kooperation mit weiteren Kurator:innen und Künstler:innen „ermöglichte es uns, die gesamte Fläche mit wissenschaftlichen und künstlerischen Positionen zu bespielen und das Feld weit aufzumachen“, so Tesarek. „Die Ansätze kommunizierten nicht nur visuell, sondern auch inhaltlich, vielfältige Denkräume wurden durch das Zusammenspiel geöffnet.“
In einem Team-Kraftakt wurde ein wegweisendes Projekt auf die Beine gestellt: Komplexe Forschungsfragen und künstlerische Positionen wurden in einem begehbaren Parcours aufbereitet. Gleich im Eingangsbereich der Schau „X Frames per Space – different logics, shared questions“ empfing ein drei Meter hohes Baugerüst zur Vernissage rund 1000 Besucher:innen – eine fünf Meter lange Skulptur als symbolisches Rückgrat der prozesshaften Forschung. Darin eingehängt waren „Scales across Frames“, Einblicke in die Wissenschaft“ als Sinnbild für verschiedene Maßstäbe und Größenskalen von Daten und lebendigen Strukturen, die am LBI-NetMed bearbeitet werden. Die Ebene der Proteine („Life’s Molecular Engines“ von Aryan Rahbari & Ines Gerard-Ursin), die Ebene der vier Basen, die gemeinsam unsere DNA aufbauen („Is it the structure?“ von Enes Sakalli & Chloé Bûcheron) und der Anatomie-Frame mit Mikrodomänen in Geweben des Körpers („The puzzle of microanatomy“ von André Rendeiro & Team).
Mehr als 100 Mitwirkende
Am LBI-NetMed arbeiten Wissenschaftler:innen und Künstler:innen der Fachbereiche Biologie, Medizin, Physik, Mathematik, Architektur und Kunst zusammen. Die Schau im November 2025 wurde als Chance genutzt, diese multidisziplinäre Expertise sichtbar zu machen. Im kleineren Rahmen hatte das Team um Jörg Menche bereits 3D-Kunst basierend auf der wissenschaftlichen Virtual-Reality-Plattform ausgekoppelt und ausgestellt. An der Ausstellung in der alten WU wirkten mehr als 100 Personen mit. Das Institut lieferte die wissenschaftliche Klammer, um die Rahmenbedingungen menschlicher Wahrnehmung zu analysieren und die Wechselwirkungen von wissenschaftlichen Daten und ästhetischer Produktion zu visualisieren.
Ab der ersten E-Mail-Anfrage zur Kontaktaufnahme mit den Künstler:innen sei die Organisation einer solchen Schau sehr aufwendig, so Jörg Menche. „An Vorbereitung, Konzeption, Aufbau und Durchführung wurde wochenlang, teilweise Tag und Nacht gearbeitet“, beschreibt er seine Außenperspektive. „Ein halbes Jahr Vorlaufzeit ist für so ein Event schon knapp bemessen – wir haben es in zwei Monaten umgesetzt“, betont Annette Tesarek. Insgesamt sechs Kuratorinnen wirkten nahtlos zusammen und sorgten gemeinsam dafür, dass das Know-how, die Arbeiten und beteiligten Personen über die Schau hinaus auf der Website abrufbar bleiben.
Wissenschaftsvermittlung mit künstlerischen Methoden
Die Nachhaltigkeit des Events sieht Menche auf zwei Arten gegeben: „Mit der Ausstellung sind wir in die Welt hinausgetreten und wir konnten die Welt zu uns ins Institut hereinholen.“ Die Ausstellung wirkte wie Dünger für neue Kollaborationen: 1000 Besucher:innen bei der Vernissage generierten neue Kontakte und Möglichkeiten. Das Team des LBI-NetMed hat eigene Beiträge gestaltet und selbst durch die Ausstellung geführt. Das hat „einen Prozess in Gang gesetzt, unsere Arbeit, den Forschungsgegenstand breiter und kreativer zu erklären und damit mehr Menschen zu erreichen“, freut sich der Institutsleiter, der beobachtet hat, dass die gemeinsame Arbeit an Objekten innerhalb des Instituts neue Verbindungen geschaffen hat.
Dass über „X Frames per Space – different logics, shared questions“ ein ausführlicher Beitrag im Kunstmagazin „PARNASS“ erschienen ist, sieht Outreach-Spezialistin Annette Tesarek als weiteren Vermittlungserfolg, der neue Zielgruppen anspricht. Die Schau stand für erlebbare Wissenschaftskommunikation und wechselseitige Kommunikation.
Entscheidend für Jörg Menche war, „dass wir alle freundlich gezwungen waren, zu sagen, was wir machen“. Das führe automatisch dazu, dass man sich die Frage selbst stelle. „Der echte Mehrwert lag in der Anregung dazu, die eigene Arbeit zu erklären, auch jenen, die das mit Steuergeld finanzieren – dabei lernt man selbst viel und versteht besser.“
Vermeidung von Scheuklappen
Für das LBI-NetMed war die Ausstellung ein Experimentierfeld. In der Wissenschaft geht es oft darum, etwas zu präzisieren, es enger und genauer zu fassen. Die Zuspitzung macht den Fokus kleiner. Zu entdecken, wie künstlerische Methoden die Datenanalyse inspirieren, kann Scheuklappen vermeiden. Das LBI-NetMed will und kann weiter zwischen den Polen oszillieren. „Wir müssen beides können“, sagt der wissenschaftliche Direktor: „Zuspitzen, um Präzision zu erreichen – und gleichzeitig den Blick weiten, um unerwartete Verbindungen zu entdecken.“
Highlights
EU-Förderung für computergestützte Alterungsforschung
André Rendeiro, Group Leader am LBI-NetMed, erhielt im September 2025 einen Starting Grant des European Research Council (ERC). Das mit 1,5 Millionen Euro dotierte Projekt widmet sich der Untersuchung von Alterungsprozessen mittels hochauflösender Gewebebilder und computergestützter Modellierung. Die Förderung ermöglicht den Ausbau spezialisierter Analyseverfahren am Standort und stärkt die internationale Position des Instituts im Bereich der computerbasierten Netzwerkmedizin.
Best Lightning Talk Award bei der BIO-MED DATA 25
Im Rahmen der Biomedical Data Science Summer School & Conference an der Semmelweis Universität in Budapest erhielt Christiane Hütter für ihren Vortrag „The Datascope: Redefining Human-Data Interaction“ den Best Lightning Talk Award. Der Beitrag thematisiert die Entwicklung multimodaler Schnittstellen, die es ermöglichen, komplexe biologische Datensätze durch räumliche Visualisierung intuitiv explorierbar zu machen. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die Brücke zwischen abstrakter Datenanalyse und der menschlichen Wahrnehmung in der Netzwerkmedizin zu schlagen.
Wissenschaftsvermittlung für die nächste Generation
Unter dem Motto „Everything is Connected“ nahmen im Juli 2025 zehn Kinder an einem Workshop des LBI-NetMed während der KinderuniWien 2025 teil. Ziel war es, die Grundlagen der Netzwerktheorie spielerisch anhand von Alltagsbeispielen wie U-Bahn-Netzen, sozialen Medien oder der Verbreitung von Gerüchten in der Schule zu vermitteln. Die Forscher:innen zeigten auf, wie diese Prinzipien genutzt werden, um komplexe biologische Systeme zu verstehen, und machten so die Relevanz der Netzwerkmedizin für ein junges Publikum greifbar.
Datenvisualisierung auf der IEEE VIS 2025 in Wien
Auf der weltweit führenden Konferenz für Visualisierung, die 2025 in Wien stattfand, präsentierte das LBI-NetMed das Projekt „From Memes to Biology“. Der Beitrag demonstriert, wie immersive Technologien eingesetzt werden, um die Brücke zwischen populärkulturellen Datenstrukturen und hochkomplexen biologischen Netzwerken zu schlagen. Durch die räumliche Darstellung in Virtual Reality (VR) wird es Forscher:innen ermöglicht, verborgene Muster in großen Datensätzen zu identifizieren und die computergestützte Analyse durch menschliche Wahrnehmung zu ergänzen.
Ars Electronica: Transforming Medicine through AI and Art
In Kooperation mit dem LBG OIS Center und der Johannes Kepler Universität Linz präsentierte das LBI-NetMed das Projekt „PPP Map“ im Rahmen der Ars Electronica 2025. Die interaktive Karte untersucht die Verflechtung von individuellem Schmerzempfinden mit sozioökonomischem Leid und ökologischen Verlusten. Nutzer:innen teilen persönliche Schmerzerfahrungen, die mit globalen Krisenherden verknüpft werden. Das Projekt entstand im Rahmen der Initiative „Transforming Medicine through AI and Art“ und macht die vernetzten Abdrücke ökologischer und gesundheitlicher Herausforderungen sichtbar.
Ausgewählte Publikationen
The metabolic organ connectome as a biomarker of health and disease. B. Geist, J. Guthrie, A. Rendeiro et al
GTestimate: Improving relative gene expression estimation in scRNA-seq using the Good-Turing estimator. M. Fahrenberger, C. Esk, J. A. Knoblich, A. von Haeseler
Artificial Intelligence and Network Medicine: Path to Precision Medicine. L. Altucci, L. Badimon, J.L. Balligand, J. Baumbach, M. Hacker, J. Menche et al
Leitung
Jörg Menche
Leitung
Die Entschlüsselung komplexer biologischer Netzwerke gelingt nur durch das Zusammenspiel von Disziplinen – von Mathematik und Physik bis hin zu Biologie, Medizin und Kunst. Diese Interdisziplinarität prägt unsere Arbeit am LBI-NetMed. Mit unserem Highlight 2025, ‚X Frames‘, haben wir Netzwerkmedizin erfolgreich in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht. Seit Januar 2026 bietet unser neuer Standort im ‚Francis‘ die ideale Basis, um wissenschaftliche Exzellenz, technologische Innovation und öffentliche Sichtbarkeit weiter zu verbinden und die Translation in die klinische Anwendung voranzutreiben.