Prägende Jahre
in anschaulichen Objekten
LBI für KriegsfolgenforschungIm Haus der Geschichte Niederösterreich läuft noch bis Anfang 2027 die Ausstellung „Kinder des Krieges. Aufwachsen zwischen 1938 bis 1955“, die das LBI für Kriegsfolgenforschung (BIK) maßgeblich mitgestaltet hat. Wie die langjährige Forschung am Institut eingeflossen ist und worauf bei der Gestaltung geachtet wurde, um aus der Vergangenheit in der Gegenwart zu lernen.
Barbara Stelzl-Marx hat es wieder getan. Bereits bei ihrem Einstieg als Leiterin des LBI für Kriegsfolgenforschung 2018 war die Zeithistorikerin an einer Ausstellung – zum Lager Liebenau in Graz – beteiligt: „Diese Arbeit muss man mögen. Für eine Ausstellung müssen Forschungsergebnisse als Botschaft stark verknappt werden. Man muss aus verschiedenen Perspektiven, durch individuelle Schicksale und Biografien, den Kontext erlebbar und begreifbar machen, um dem Publikum zu ermöglichen, in die Erfahrung einzutauchen und etwas mitzunehmen.“
Das LBI für Kriegsfolgenforschung mit seinen Standorten an der Universität Graz, in Wien und in Raabs/Thaya wurde rund eineinhalb Jahre vor der Eröffnung von „Kinder des Krieges. Aufwachsen zwischen 1938 bis 1955“ von Christian Rapp, dem wissenschaftlichen Leiter im Haus der Geschichte Niederösterreich, angefragt. Es ging um die gemeinsame Kuration und wissenschaftliche Begleitung der geplanten Inhalte einer großen Ausstellung im Erinnerungsjahr 2025. Eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Institutionen bestand bereits davor, hatte doch das BIK schon an der Basisausstellung im Niederösterreichischen Landesmuseum maßgeblich mitgewirkt. Die aktuelle Ausstellung ist Teil der Initiative „Erinnern für die Zukunft“. Diesen Anspruch einzulösen, ist keine triviale Aufgabe.
Für das Oberthema „Kindheit in totalitären Systemen und im Krieg“ konnte auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz zugegriffen werden, Schwerpunkte wurden vertiefend recherchiert: „Wir haben am Institut einen Forschungsschwerpunkt zu Besatzungskindern aufgebaut und zum ‚Lebensborn‘-Heim Wienerwald. Wir haben Kuratorin Martina Zerovnik an Bord geholt und mit vereinten Kräften das breite Thema ‚Aufwachsen 1938 bis 1955‘ aufbereitet“, erklärt Stelzl-Marx, die auch als Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Graz lehrt. Auch wenn die Datenbasis sitzt und Überblick im Archivmaterial besteht, ist die Transformationsleistung nicht zu unterschätzen. Bei der Aufbereitung der Inhalte gilt es, im Kopf zu behalten, dass die Kinder und Enkel verfolgter, vertriebener, (un-)schuldiger, vaterloser und versehrter Menschen diese Ausstellung besuchen. Barbara Stelzl-Marx: „Gerade bei diesem Thema sehen wir ein intensives Zusammenspiel von Makro- und Mikrogeschichte. Große historische Umstände wie der ‚Anschluss‘, der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, das Kriegsende und die Besatzungszeit spielen in die individuellen Leben hinein. In Extremsituationen sind Kinder besonders vulnerabel und betroffen.“
Die Historikerin erinnert sich gut an „mein erstes Besatzungskind“ und welches Fingerspitzengefühl zeitgeschichtliche Forschung, die Sichtung lange verschlossener Akten aus der Sowjetunion, erforderte: „Eleonore Dupuis, Tochter eines Rotarmisten und einer Niederösterreicherin, war viele Jahre auf der Suche nach ihrem Vater. Peter Loutzeks Eltern waren beide in der Besatzungszeit ‚verschwunden‘. Wir konnten ihm die Gewissheit geben, was tatsächlich passiert war, nämlich, dass beide von den Sowjets verhaftet und in Moskau exekutiert worden waren. Eine schreckliche Information, aber, wie Peter Loutzek meinte, besser als die nagende Ungewissheit. Wir forschen, für die Nachkommen hat das jedoch eine andere Bedeutung. Es kamen Kinder als Folge von Krieg und Besatzung auf die Welt, aus Liebe oder durch Gewalt. Besatzungskinder in ganz Österreich verbindet vielfach die Suche nach ihren Wurzeln.“
Für die Kinder der Kriegskinder und die Jungen von heute galt es, Anknüpfungspunkte zu finden, was das Aufwachsen in einem totalitären System bedeutet, welche Wirkungen und Nachwirkungen es hatte. Als jeder Lebensbereich von der nationalsozialistischen Ideologie beeinflusst war: Schule, Freizeit, Herkunft und Zukunft. Als Freunde und Freundinnen, Nachbarn und Nachbarinnen verschwanden und fielen. Als Jüdinnen und Juden aus dem Alltag verbannt, entrechtet und ihrer Zugehörigkeit beraubt wurden. Als Angehörige mit geistigen und körperlichen Einschränkungen als „unwertes Leben“ eingestuft wurden. Als Bomben fielen. Wie man sich anpasste und welche Freiräume es gab. Einschlägige Erfahrungen aus Täter- und Opfer-Perspektiven weiterzugeben, ist Ziel von „Kinder des Krieges“. In jeder österreichischen Familie gibt es Betroffene des Nationalsozialismus und des Krieges. Nur eines von zehn jüdischen Kindern überlebte die NS-Verfolgung. „Das ist nicht nur für die wichtig, die es erlebt haben. Diese Erfahrungen transgenerational weiterzugeben, funktioniert in der Ausstellung sehr gut, macht sie relevant und interessant“, so Stelzl-Marx. Illustrationen der Grafikerin Annette Stolarski zu Themen wie Vernichtung, Widerstand, Mangel, Indoktrination oder Besatzung wurden ein zentrales Gestaltungselement. Kinderbeiräte sichteten, ob die Zeichnungen verstanden werden oder verstören. Vom Museum wurde ein eigener Sammlungsaufruf gestartet, um Objekte, Dokumente, Fotos und Expertise einzuwerben. Einige Objekte stammten aus der BIK-Sammlung. Die knapp gehaltenen Ausstellungstexte wurden auch in Einfache Sprache übertragen.
24 Zeitzeug:innen haben sich auf den Aufruf gemeldet oder wurden erneut kontaktiert. Sie wurden von einem fixen Kamerateam in Szene gesetzt und von Mitarbeiter:innen des BIK und des Hauses der Geschichte NÖ interviewt. Angesichts ihres voranschreitenden Lebensalters wurde somit eine wichtige Chance genutzt, sie zu Wort kommen zu lassen. Ihnen wird in den zwei Räumen an Multimedia-Säulen ein Platz gegeben. Exponate, Geschichten, Bilder und Interviews sprechen in der Ausstellung gemeinsam über das Aufwachsen zwischen Indoktrination und Vertreibung, Gemeinschaft und Entrechtung, Kampf und Widerstand, Kaugummi, Demokratieschulung und Swing. Am LBI für Kriegsfolgenforschung bildet Forschung die Basis für aufbereitetes Wissen als Science for Public Service und für Citizen Science. Es ist dem Institut Anliegen und Auftrag, auf Basis der Forschung Ergebnisse an die breite Öffentlichkeit zu transportieren – mit Publikationen, Medien, Veranstaltungen oder Ausstellungen, ganz im Sinne von #ScienceForSociety.
Wissenschaft ist Teamarbeit, eine Ausstellung ebenfalls: Ein halbes Dutzend Personen des BIK war involviert, drei Mitarbeiter:innen intensiver, insbesondere Dr. Lukas Schretter, der selbst schon lange zu Kindheit und Krieg forscht. Wie eine Schau Schritt für Schritt entsteht, ist für Barbara Stelzl-Marx immer wieder spannend. Jede Vermittlungsform hat ihre Vorteile: „In einem Buch kann ich immer wieder nachschauen, einen Podcast höre ich nebenbei, eine Ausstellung besticht durch visuelle Eindrücke und man kann sie gemeinsam ansehen. Hier wird Geschichte möglichst knapp und interessant erzählt – aus 500 Seiten Forschung wird eine halbe A4-Seite Text destilliert.“ 2025 haben sich rund 80 000 Besucher:innen diese Teamleistung angesehen und ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen.
Zur Ausstellung erschien der reich illustrierte Katalog: Christian Rapp – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Kinder des Krieges. Aufwachsen zwischen 1938 und 1955. Ausstellungskatalog. Wien 2025.
Die Thementage „Kinder des Krieges: Zeitzeug:innen erzählen“ fanden am 7. und 8. Mai 2026 im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich in St. Pölten statt.
Highlights
1945 | 1955 | 1975 | 1995: Zäsuren der österreichischen Zeitgeschichte
Das Jahr 2025 markierte ein außergewöhnliches Jubiläumsjahr in der österreichischen Zeitgeschichte: 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, 70 Jahre Neutralität, 50 Jahre KSZE-Schlussakte und 30 Jahre EU-Beitritt. Diese Schlüsselmomente prägen nicht nur das kollektive Gedächtnis und die nationale Identität, sondern auch die Rolle Österreichs in Europa und in der Welt. Führende Expert:innen gaben im Rahmen der Konferenz „Die ‚5er-Jahre‘ 1945|1955|1975|1995: Zäsuren der österreichischen Zeitgeschichte“ Einblicke in die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und reflektierten die Bedeutung der „5er-Jahre“ als Wendepunkte der österreichischen Zeitgeschichte.
Das war das 51. Werkstattgespräch des Österreichischen Zukunftsfonds
Aus Anlass seines 20-jährigen Bestehens lud der Österreichische Zukunftsfonds zum 51. Werkstattgespräch in die Diplomatische Akademie Wien ein. Im Rahmen der Veranstaltung referierte Barbara Stelzl-Marx zur Bedeutung des Zukunftsfonds und Nadjeschda Stoffers präsentierte das abgeschlossene Projekt „Vom NS-Regime verfolgte Österreicher:innen erzählen“ sowie die daraus entstandene Metadatenbank. In dieser finden sich Informationen zu rund 600 Interviews, die in vom Österreichischen Zukunftsfonds geförderten Projekten geführt oder bearbeitet wurden.
Hohe Wissenschaftsauszeichnung: Kardinal-Innitzer-Würdigungspreis an Barbara Stelzl-Marx verliehen
Am 22. November 2025 wurde der Kardinal-Innitzer-Würdigungspreis für Geistes- und Sozialwissenschaften im Erzbischöflichen Palais in Wien an BIK-Institutsleiterin und Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz, Barbara Stelzl-Marx, verliehen. Kardinal Christoph Schönborn würdigte damit ihre herausragenden Beiträge zur Erforschung der sowjetischen Besatzung in Österreich, der Schicksale von Kriegsgefangenen, Besatzungskindern und Zwangsarbeiter:innen sowie des NS-Lagers Liebenau.
Mit der Auszeichnung wird auch ihr langjähriges Engagement ausgezeichnet, historische Forschung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen – eine Aufgabe, der sie bereits als „Wissenschafterin des Jahres 2019“ besondere Sichtbarkeit verlieh. Unter den Gratulant:innen befanden sich LBG-Geschäftsführerin Marisa Radatz und LBG-Bereichsleiter Jürgen Busch.
ORF-Dokumentationsreihe „Österreich – Die ganze Geschichte“, Staffel 3 und 4
Die dritte und vierte Staffel der epochalen, auf 40 Folgen angelegten Dokuserie „Österreich – Die ganze Geschichte“, ausgezeichnet mit dem Hugo-Portisch-Preis 2024, wurde auf ORF III ausgestrahlt.
Die beiden Staffeln spannen einen Bogen, beginnend beim Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie 1918, zu Österreichs Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg, der Unabhängigkeit des Landes mit dem Staatsvertrag 1955 bis hin zum EU-Beitritt 1995.
Die Staffeln wurden u.a. von Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des BIK und Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz, und Hannes Leidinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am BIK und an der Universität Wien, als Mitglieder des Fachbeirates wissenschaftlich begleitet. Außerdem bringen sie gemeinsam mit Kurt Bauer, in der dritten Staffel und Anna Graf-Steiner, in der vierten Staffel, beide wissenschaftliche Mitarbeiter am BIK, ihre Expertise in Interviews ein. Begleitend zur TV-Dokumentation entstand auch eine Podcast-Serie.
Ausgewählte Publikationen
Roter Stern über Graz. 75 Tage sowjetische Besatzung 1945. Barbara Stelzl-Marx
Zwei Leben. Stefan Karner, Gauleiter Uiberreither
Niemandsland zwischen Krieg und Frieden. Österreich im Jahr 1945. Kurt Bauer
West German Ostpolitik, the Soviet Union, and East-West Détente in Europe. Michael Borchard, Stefan Karner, Peter Ruggenthaler, Hanns Jürgen Küsters (Hg.)
Kinder des Krieges. Aufwachsen zwischen 1938 und 1955. Christian Rapp, Barbara Stelzl-Marx (Hg.)
Leitung
Univ.-Prof. Mag. Dr. Barbara Stelzl-Marx
Leiterin
Doz. Mag. Dr. Peter Ruggenthaler
Stv. Leiter
Wie viele Verbrechen des NS-Regimes noch nicht vollständig aufgearbeitet sind, zeigt sich bei den Forschungen zur Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und NS-"Euthanasie". Jahrzehnte später gibt es sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in vielen Familien weiterhin offene Fragen. Umso wichtiger ist es diese Fragen zu stellen, zu forschen und zu erinnern.